''Rubljovk'' : Der Kreml und die Quote

Alles so schön gefährlich hier: Ein Film über die Promi-Meile „Rubljowka“ beflügelt die grassierende Angst vor Russland.

Jens Mühling
Rubljovka
Politisches Roadmovie. Irene Langemann porträtiert eine Oberschicht, die sich alles kaufen kann, auch Verkehrsregeln. -Foto: GMFilms

Landauf, landab wird tief in der Klischeekiste gewühlt. Von einem „verbotenen Reich“ schreiben die Feuilletons, von einer „Straße der Albträume“, von „russischen Methoden“ und, natürlich, vom „langen Arm des Kreml“. Worum es geht? Um einen gelungenen Dokumentarfilm. Um seine Vermarktung. Und um das Schüren alter Ängste.

Aber der Reihe nach. Die Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee, im russischen Volksmund „Rubljowka“ genannt, ist eine rund 30 Kilometer lange Landstraße, die Moskau mit den westlichen Vororten verbindet. Als elitäre Wohngegend hat sie Tradition: Zu Sowjetzeiten siedelte die Partei-Nomenklatura an ihren Flanken, Stalin hatte in den angrenzenden Wäldern eine Datscha, auch die Wissenschafts- und Kulturelite wurde mit Häusern an der Rubljowka belohnt. Als nach der Wende dann Russlands neuer Geldadel nach angemessenem Wohnraum suchte, verwandelte sich die Straße in Moskaus Antwort auf Beverly Hills. Die Emporkömmlinge der Jelzin-Ära, Oligarchen und Bürokraten, ließen an der Rubljowka opulente Fantasievillen bauen. Heute lebt hier der Milliardär und Chelsea-Eigner Roman Abramowitsch in unmittelbarer Nachbarschaft des Moskauer Bürgermeisters, die Villa des inhaftierten Ölmagnaten Michail Chodorkowski befindet sich nur wenige Kilometer entfernt vom Haus des wohl prominentesten aller Rubljowka-Anwohner: Wladimir Putin.

Eine Asphalttrasse also, die förmlich dazu einlädt, aus ihren Windungen und Wirrungen Erkenntnisse über Russlands heutigen Kurs abzuleiten. Dass in dieser Straße ein politisches Roadmovie steckt, muss sich auch Irene Langemann gesagt haben, eine russischstämmige, in Köln lebende Regisseurin, deren Dokumentarfilm „Rubljowka – Straße zur Glückseligkeit“ heute ins Kino kommt. Unter schwierigen Drehbedingungen – für die Straße gelten wegen der prominenten Anwohner besondere Sicherheitsregelungen – gelang es Langemann, ein atmosphärisch dichtes Porträt der russischen Oberschicht zu zeichnen: Da erklären Immobilienmakler, dass Anwesen unter drei Millionen Dollar auf der Rubljowka als „Massenware“ gelten, da träumen müßiggängerische Erbinnen von Traumprinzen, da rauschen Häuser an den Autofenstern vorbei, die in ihrer unbekümmerten Zitierlust zentaurischen Ungetümen gleichen. Der Kopf von Neuschwanstein auf dem Körper des Chrysler-Buildings.

Stark ist der Film aber vor allem, wo er über diese sattsam bekannten Stereotype hinausgeht, wo er Charaktere porträtiert, für deren Zusammenstellung Langemann großer Respekt gebührt: die Pelzdesignerin etwa, die die russische Seele aus dem Geiste des Zobelmantels erklärt – und das auch noch schlüssig. Der entsetzlich altkluge Junge, der seine Umwelt mit Monologen über das Wesen der Demokratie traktiert. Die alte Dame, die in einem der letzten Holzhäuser zwischen den Villen Reisigbesen verkauft, ihre baldige Vertreibung befürchtet und am Ende des Films entschieden für eine dritte Amtszeit Putins eintritt, damit er „die Sache zu Ende bringt“, was immer das heißen mag.

Manchen ihrer Charaktere ist Langemann dabei näher zu Leibe gerückt, als es den Porträtierten lieb sein kann. Die Immobilienmaklerin Janna Bullock, die der Regisseurin faszinierende Einblicke in ihren Geschäftsalltag ermöglichte, wird gleich zwei Mal in kompromittierenden, fast schon justiziablen Gesprächssituationen gezeigt. Einmal wickelt sie am Telefon undurchsichtige Firmengründungen im Ausland ab, einmal setzt sie Mitarbeiter unter Druck, weil sich ein Bauprojekt verzögert: „Mir wurde doch gesagt, es seien schon alle umgesiedelt.“

Als die ersten Festivalkopien des Films in Umlauf kamen, fiel offenbar auch der Maklerin eine DVD in die Hände. Wenig später trat ein Unbekannter an die Regisseurin heran und bot 50 000 Euro für die internationalen Vermarktungsrechte – für Dokumentarfilme eine hohe Summe. Langemann erkundigte sich nach dem Mann. Niemand hatte von ihm gehört, im Filmgeschäft war er ein Unbekannter. Dass sie trotzdem auf das Angebot einging, begründet Langemann mit den Besonderheiten Russlands: Freunde hätten ihr versichert, es wimmele dort von Mäzenen, die ihr Geld in neue Geschäftsfelder investieren wollten. Ihr Zutrauen erwies sich als Fehler. Hinter ihrem Rücken versuchte der Geschäftsmann vergeblich, auch die Filmrechte für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Frankreich zu erwerben, die Langemann bereits anderweitig verkauft hatte. Zudem ließ er keine Bemühungen erkennen, den Film tatsächlich zu vermarkten – weshalb Langemann inzwischen davon ausgeht, dass „Rubljowka“ aus dem Verkehr gezogen werden soll. Wer dahinter steckt, dürfte klar sein: In das Gezerre um den Film schaltete sich auch ein Mittelsmann der Guggenheim Foundation ein, bei der die einflussreiche Maklerin im Vorstand sitzt. Diplomatisch schlug der Mann eine Einigung im Guten vor. Es gehe ja nur um zwei Szenen, in denen sich Jana Bullock unvorteilhaft dargestellt fühle.

Aus Angst um ihren Film trat Langemann die Flucht nach vorne an – und insinuierte öffentlich, hinter der Geschichte könnten „größere Strukturen“ stecken, die eine Ausstrahlung des Films vor den Präsidentschaftswahlen im März verhindern wollten. Das ist bei einem differenzierten Gesellschaftsporträt wie „Rubljowka“ weit hergeholt, stieß aber erwartungsgemäß auf immenses Medieninteresse: Die Feuilletons witterten Unheil im Osten und bliesen die Geschichte zum Spionagethriller auf. Mancher Schreiber vergaß dabei gar, dass sich kriminelle Methoden schlecht mit „russischen“ gleichsetzen lassen – es sei denn, man neigt selbst zu rassistischen Methoden.

Letztlich weiß man kaum, wofür man Langemann nun mehr bedauern soll. Für die ärgerlichen Verwicklungen um ihren Film – oder dafür, dass „Rubljowka“ auf plakative Polemiken reduziert wurde, die der Film gar nicht hergibt.

OmU in den Kinos Brotfabrik, Krokodil und Moviemento.

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