Satire-Doku ''Heimatkunde'' : "Der Film soll das Land wieder spalten"

Der Dokumentarfilm "Heimatkunde" begleitet den Ex-"Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn bei seiner Wanderung durchs ehemalige innerdeutsche Grenzland. Die Film-Satire sorgt in der deutschen Öffentlichkeit für heftige Reaktionen. Im Interview nimmt Martin Sonneborn zu den Vorwürfen Stellung.

Interview: Achim Fehrenbach
Heimatkunde
Martin Sonneborn. -Foto: Promo

Herr Sonneborn, was wollten Sie mit Ihrer 250-Kilometer-Wanderung rund um Berlin herausfinden?



Das lässt sich in einem kurzen Satz zusammenfassen: Sind wir wirklich ein Volk? Wir und die da drüben?

Wie war das Ergebnis?

Wir sind nicht ein Volk - wir und die da drüben.

Dennoch heißt der Film "Heimatkunde" ...

Der Titel ist gewählt worden, um auch große Teile der ostdeutschen Bevölkerung ins Kino zu locken - und sie dort zu demütigen. Der Film wurde gemacht, um das Land wieder zu spalten. Wir haben ja im Impressum der "Titanic" seit November 1989 ein Zitat von Chlodwig Poth stehen: "Die endgültige Teilung Deutschlands, das ist unser Auftrag." Daran arbeiten wir sehr erfolgreich.

Wir haben auch schon vor der Filmpremiere erste Test-Vorführungen an lebendem Ost-Publikum durchgeführt. Das war sehr schön. Die lachen sehr viel über das, was sie da sehen.

Haben Sie auch persönliche Rückmeldungen bekommen?

Ja, über die Leserbriefseiten des "Berliner Kurier". Das Schmutzblatt hat den "Heimatkunde"-Film auf die Titelseite genommen: ein Foto von mir und die Schlagzeile "Üble Ossi-Hetze im Kino. Dieser komische Vogel verspottet Millionen Ostdeutsche als Deppen der Nation". Es ging weiter mit der Zeile "Wie kann ein Mensch die Ossis nur so hassen". Hier wird schön differenziert zwischen Mensch und Ossis, das ist sehr sympathisch.

Nach diesem sensiblen Brüller des "Berliner Kurier" gab es natürlich auch Reaktionen von Lesern. Ich konnte zum Beispiel nachlesen, man wünsche, dass mir bei der Premiere mit einem Baseball-Schläger auf die Kniescheibe geschlagen wird. Die Berliner Premiere ist übrigens an diesem Montag im "Babylon Mitte".

Sie werden anwesend sein?

Ja, mal schauen, wer mit Baseball-Schlägern anrückt.

Sie glauben nicht, dass durch den Film ostdeutsche Mitbürger in ihren Gefühlen verletzt sein könnten?

Ich glaube: Nicht mehr als westdeutsche Mitbürger.

Inwiefern?

Es können beide verletzt sein. Wir haben nicht groß differenziert zwischen Ost und West. Was uns an der deutschen Grenze um Berlin herum vor die Kamera gekommen ist, wurde angesprochen.

Sie wollten ja mit dem Film nicht nur Ostdeutsche "demütigen", wie Sie sagen. Sie wollten auch herausfinden, ob sich "18 Jahre nach der Wende an der Peripherie neues Leben entwickelt hat". Hat es?

Es gibt auf jeden Fall neues Leben! Es leben schließlich Unter-18-Jährige an den Grenzen. Wenn man als Ethnologe und Heimatkundler diese Menschen einmal ganz unemotional betrachtet, lässt sich folgendes Resümee ziehen: "Die DDR hat es nie gegeben und sie war besser". Man trifft viele junge Leute, die überhaupt nicht mehr wissen, was die DDR war, was sie bedeutet hat. Eine 18-jährige Schülerin, die durchaus eine weiterführende Schule besucht, sagte: "DDR? Da war was, das hatten wir mal irgendwann in der Schule." Eine andere fügte hinzu: "DDR, das war so was wie Krieg." Diese Aussagen sind repräsentativ für einen Großteil der jüngeren Bevölkerung - neues Leben, das sich im Zonenrandgebiet entwickelt hat.

Für die Älteren steht repräsentativ der Straßenbahnfahrer, den ich in Marzahn traf. Er sagte: "Ich war DDR und ich bleibe DDR. Ich kann mit diesem Staat nichts anfangen." Er erzählte mir auch, wie er den 9. November damals erlebt hat: Er lag im Bett, seine Frau stürmte herein und rief: "Gerald! Im Fernsehen zeigen sie, die Grenze ist auf, wir können rüber." Er sagte nur: "Lass mich in Frieden, ich muss morgen früh Straßenbahn fahren." Er hat sich schlafen gelegt und war furchtbar enttäuscht, so sagte er mir, als am 10. November 1989 nur 40 Prozent seiner Kollegen zum Dienst angetreten sind. Die Grenzöffnung war für ihn so eine Art Betriebsunfall.

In welcher ästhetischen Tradition sehen Sie Ihren Film? Er ist ja formal sehr schlicht gehalten ...

Ich bin kein Filmkenner. Ich würde ihn ansiedeln zwischen Leni Riefenstahl und Borat. Für beide Zielgruppen ist etwas dabei. Und außerdem natürlich: italienischer Neorealismus.

Wurde der Film auch im Hinblick auf die Bundestagswahl 2009 gedreht?

Nur mittelbar. Sie wissen ja, dass wir vom Printmedium ["Titanic", Anm. der Red.] kommen. "Heimatkunde" ist der Versuch, einen Fuß in das unübersichtliche, hochkorrupte und subventionsverseuchte Gebiet des Films zu setzen. Wir machen gerade die Erfahrungen, die notwendig sind, um Ende Sommer 2009 mit einem Blockbuster, dem "Parteifilm", in die Kinos zu kommen. Der soll uns dann tatsächlich auch im Hinblick auf die Bundestagswahl erdrutschartige Stimmengewinne bringen.

Können Sie schon etwas über den "Parteifilm" verraten?

Ja, das wird eine Guido-Knopp-Parodie. Was Guido Knopp über das Dritte Reich fabriziert hat, das hat "Heimatkunde"-Regisseur Andreas Coerper - die Leni Riefenstahl der "Partei" - mit der "Partei" vor. Wir haben alles mitgefilmt, von Anfang an: die Gründung, die Landesparteitage, die Auftritte im Reichstag und die Aktion an der innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen. Wir haben dort im Jahre 2004 fünf Meter der Mauer wieder aufgebaut. Die "IG Bauen Agrar Umwelt" hat uns damals sehr geholfen, weil sie irgendwie in die Medien wollte (und dann auch irgendwie in die Medien kam).

Was noch?

Natürlich auch die Aktionen unseres Dresdner Ortsvereins, der den Wiederabriss der Frauenkirche fordert, weil wir Baumaterial für den Bau der neuen Mauer brauchen.

Auch Außenpolitik gibt's im "Parteifilm": Ende März waren wir mit 25 Leuten in Georgien, in diesen billigen, grauen "C&A"-Anzügen, die wir uniform tragen in der Partei. Wir haben uns dort für den Bruch des Hitler-Stalin-Paktes entschuldigt. Die kriegerischen Geschehnisse im Sommer 2008 sind allerdings keine unmittelbaren Auswirkungen unseres Besuchs.

Das ist alles mitgefilmt worden und wird dann mit Kommentaren von Zeitzeugen angereichert. Einige Prominente sind auch darunter - die erklären, wie es damals so weit kommen konnte, dass die "Partei" hier in Deutschland die Macht übernommen hat.

Zur Person
Martin Sonneborn (Jahrgang 1965) war von 2000 bis 2005 Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic". Zu seinen bekanntesten Aktionen zählt die "Bestechung" eines Fifa-Mitglieds vor der Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland. 2004 gründete Sonneborn mit weiteren "Titanic"-Redakteuren "Die Partei", deren Bundesvorsitzender er ist.

Die Website zum Film

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