Schlink-Verfilmung "Der Vorleser" : Die Unmoral der Liebe

Schlagschatten der Schuld: Stephen Daldrys "Der Vorleser", nach dem Roman von Bernhard Schlink, spitzt die zentralen Fragen des Buches noch zu.

Jan Schulz-Ojala
Winslet
Gefangene zweier Geheimnisse. Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) wird die Vergangenheit nicht los. -Foto: Senator

Diese Frau ist eine Erloschene, innerlich tot, von der ersten Einstellung an. Die Straßenbahnschaffnerin Mitte dreißig, die Ende der fünfziger Jahre Dienst tut in einer westdeutschen Mittelstadt, beginnt zwar eine Affäre mit einem Fünfzehnjährigen, aber eine Liebesgeschichte in tieferem Wortsinn erwächst daraus nicht, zumindest für sie. Einen Sommer lang schenkt er ihr – und inszeniert sie sich – einen Raum, in dem sie sich von ihrem Erloschensein ablenken kann. Indem sie den Schüler, den sie immer nur „Jungchen“ nennt, aus Büchern vorlesen lässt, ihre zunächst eigentümlich erscheinende Bedingung für Sex, erschließt sie sich die Welt über die Fiktion, hält sie sich aber gleichzeitig einmal mehr vom Leibe.

Diese Frau, sie heißt Hanna Schmitz, ist Gefangene zweier Geheimnisse. Das eine, der Analphabetismus, treibt sie – wie viele Analphabeten – in Scham. Und in Verhaltensweisen, die Lese- und Schreibkundigen unverständlich bleiben. Das andere gründet auf eine durch keine Liebe aufhebbare und kein Gericht tauglich zu bemessende Schuld. Als Aufseherin in einem KZ-Außenlager, da war sie Anfang zwanzig, hat sie Gefangene, die ihr hatten vorlesen müssen, turnusmäßig nach Auschwitz geschickt. Und kurz vor Kriegsende hat sie, zusammen mit vier anderen Wärterinnen, Hunderte von Jüdinnen verbrennen lassen – nachts in einer verrammelten, von einer Bombe getroffenen Kirche.

Michael Berg, der Ich-Erzähler aus Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“, dem Stephen Daldrys Verfilmung mit hoher Intelligenz folgt, ist ein Außenseiter, von der ersten Einstellung an. Die Affäre ist sein Geheimnis, das ihn zum Einsiedler in der Familie und unter den Mitschülern macht. Hanna aber, der er sein sexuelles Erweckungserlebnis verdankt, folgt eigenen Geheimnissen, stellt die Begegnungsregeln auf, beherrscht ihn mit jäh wechselnden Stimmungen und verschwindet nach kurzen Wochen des Glücks ohne Erklärung. Nein, das Zusammentreffen zwischen einer, die sich vor der Welt verschlossen hat und einem, den sie benutzt und zur Belohnung an ihren Körper heranlässt, kann keine Liebesgeschichte sein.

Dass diese Begegnung das gesamte Leben Michaels dennoch tragisch prägt, weil er an beiden Geheimnissen Hannas auf seine Weise zugrunde geht, ist die Prämisse und existenzielle Moral des „Vorlesers“, der zum Welterfolg wurde und dessen Verfilmung zu Recht als einer der stärksten Bewerber um die Oscars galt, dann aber doch, bis auf den in jeder Hinsicht verdienten Oscar für Kate Winslet als Beste Hauptdarstellerin, dem Indien-Kinomärchen „Slumdog Millionär“ unterlag. Erst erfährt der Jurastudent, acht Jahre später im Gerichtssaal, von Hannas Schuld: Sie ist eine der KZ-Aufseherinnen, denen der Prozess gemacht wird. Dann von ihrer Scham: Weil die Mitangeklagten sie fälschlich beschuldigen, den Einsatz in der Mordnacht angeführt und selber protokolliert zu haben, nimmt Hanna die Höchststrafe auf sich – und Michael erkennt, dass er der Vorleser einer Analphabetin war. Fortan trägt er an einem doppelt verschwiegenen Wissen: Niemand weiß von seiner Verbindung zu der NaziVerbrecherin, und nur er ist Mitwisser ihres Analphabetismus. Das eine beschämt ihn, das andere macht ihn auf seine Weise schuldig. Diese beiden Schweigegespenster zerstören sein Leben.

Eine ungeheure, manche sagen: überdehnte Metapher ist das für den Schlagschatten der Schuld, den die deutsche Kriegsgeneration an die nächste weiterreicht. Und indem Bernhard Schlink sie auf sein eigentlich harmlos verliebtes „Jungchen“ anwendet, kommentiert er auch die tragisch verdorbene Liebe der Nachkriegsgeneration zu ihren Eltern. Das moralische Dilemma: Man kann nicht verurteilen und verstehen zugleich, es sei denn man richtet sich selbst. Im Buch beschreibt Michael die Qual, beides zu wollen und im Bemühen um das eine immer das andere verraten zu müssen. „Ich bin damit nicht fertig geworden.“

Nichts aber wäre dem „Vorleser“ fremder als die raschelpapierene Seite der Vergangenheitsbewältigung. In seiner romantischen, von Kate Winslet und David Kross fantastisch verkörperten ersten Halbzeit geht es um Passion. Und um eine jungmännliche Projektion. Doch ist sie – auch für den Zuschauer – nicht zu haben ohne die Ernüchterungsarbeit des Erwachsenen, der einen fundamentalen Schrecken in seine Biografie einarbeiten muss. Er tut dies, indem er Hanna über Jahre Kassetten mit Vorgelesenem ins Gefängnis schickt, aber nicht auf ihre Zweizeiler antwortet, als sie mühsam lesen und schreiben gelernt hat. Der Widerspruch ist zwangsläufig: Als Mitwisser ihrer Scham kann er trostweise Signale senden. Für einen Briefwechsel aber, einen echten Dialog, ist ihre Schuld zu groß.

Manche Kritiker monieren angesichts der still ihr Urteil annehmenden und sich im Gefängnis tapfer mit Kassetten und Büchern selbst alphabetisierenden Hanna, der Film mobilisiere Mitleid mit einer SS-Mörderin. Und nennen den „Vorleser“ gar in einem Atemzug mit jenen obszönen Täterversteherfilmen, die etwa die verkrüppelte Biografie von Stasi-Observanten zum Absolutionsgegenstand machen. Doch sie übersehen dabei den entscheidenden Unterschied: Nicht mit der Täterin Hanna hat der „Vorleser“ Mitleid, sondern allenfalls mit dem Nachgeborenen – das Buch übrigens viel nüchterner als der Film, der dem Schmerzensmann Ralph Fiennes die Rolle des alt gewordenen Michael anvertraut.

Überhaupt ist die Scham Hannas über ihren Analphabetismus, die zuerst das Mitleid des Zuschauers mobilisieren mag, nur ein geschickt gewählter psychologischer Nebenschauplatz. Nirgendwo findet sich ein Beleg dafür, dass sie der Betroffenen selbst den Blick auf ihre Schuld verstellt. Auch dass Hanna, um ihr Geheimnis zu wahren, eine schwerere Strafe auf sich nimmt als die Mittäterinnen, ist die Entscheidung einer erwachsenen Frau. Umso dramatischer gerät der moralische Konflikt Michaels, der mit einer Initiative beim Gericht auf eben diesen mildernden Umstand drängen könnte. Nur was, wenn er, womöglich aus einem missverstandenen Begriff von Liebe, damit Hannas Willen missachtet?

Der unwiderstehliche Reiz des Buches besteht darin, dass es den Projektionen eines Ich-Erzählers folgen kann, der sich zugleich auf der Reflexionsebene keineswegs schont. Der Film löst sich – auch im geschmeidigen Wechsel der Zeitebenen – von dieser monolithisch allzweifelnden Erinnerungsperspektive, wobei er die zentralen Fragen noch zuspitzt. Die von Drehbuchautor David Hare hinzuerfundenen oder signifikant veränderten Dialoge insistieren auf der Unmoral der Tat, nicht der Moral der Gefühle, zumindest gilt dies für die Generation der Täter und der überlebenden Opfer. Die Schuld endet nie, die Wunden heilen nie, „die Toten sind immer noch tot“, sagt Hanna zu Michael, bevor sie sich anderntags in der Zelle erhängt. Lernen können und müssen allenfalls die Jüngeren.

Vielleicht ist es dieser verobjektivierenden Schärfe geschuldet, dass Stephen Daldry seine furchtbare Heldin mitunter sanfter erscheinen lassen kann als in der Vorlage. Hanna zieht dem Halbwüchsigen im Streit nicht einen Lederriemen durchs Gesicht, sondern ohrfeigt ihn nur; auch die entlarvende Bemerkung der Überlebenden des Kirchenbrands, „Was ist diese Frau brutal gewesen“, fällt im Film nicht – Michael besucht die Jüdin, die Lena Olin mit fein strahlender Überzeugungskraft spielt, nach Hannas Tod in New York. Dass sie allerdings die hinterlassene Teedose ihrer Peinigerin neben das Foto ihrer ermordeten Verwandten stellt, ist zu viel der Versöhnung. Nur hier lügen die Bilder dieses sonst so klar nachempfindenden Films, als gäbe es zwischen Tätern und Opfern ein gemeinsames Erbe.

Noch ein Unterschied wäre zu nennen, einer der zarteren Art. Im Roman, dessen nachgehende Lektüre mindestens so ergiebig ist wie die vorbereitende, fragt Michael bei der erschütternden Begegnung im Gefängnis nicht, was Hanna „gelernt“ habe aus alledem. Und sie antwortet auch nicht: „lesen“, um damit jeder billigen Buße einen Riegel vorzuschieben. Sondern er erkundigt sich behutsam, ob sie nicht schon damals an ihre Taten habe denken müssen, in jenem Sommer, als er ihr vorgelesen habe. Und sie antwortet, damals habe sie die Toten noch verscheuchen können, aber seit dem Prozess seien sie bei ihr, „jede Nacht, ob ich sie haben wollte oder nicht.“ In diesem Augenblick der Geheimnislosigkeit sind Hanna und Michael ein Paar, ihr einziges wirkliches Mal.

In Berlin in 19 Kinos, OV im Cinestar Sony-Center, OmU in den Hackeschen Höfen.

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