"Schmetterling und Taucherglocke" : Sehen, riechen, hören

Julian Schnabel, Regisseur des Film "Schmetterling und Taucherglocke", spricht im Interview über Wahrhaftigkeit, Kunst und erklärt, warum er den Film "Das Parfum" nicht mag.

Mr. Schnabel, Sie haben zum dritten Mal einen Film über einen jung verstorbenen Künstler gedreht. Warum immer wieder diese Themen?

Ich kenne kein anderes. Ich drehe Filme über Themen, mit denen ich mich auskenne. Sonst könnten sie auch einen anderen Regisseur nehmen.

Und: Waren andere im Gespräch?

Zunächst war Scott Hicks involviert. Anthony Minghella war auch interessiert. Aber Johnny Depp, der die Hauptrolle spielen sollte, hat mich vorgeschlagen … (unterbricht, nimmt die Brille mit den gelben Gläsern ab). Haben Sie eigentlich auch Probleme, Ihre Brille zu putzen? Jetzt habe ich schon ein Seidenhemd an, und reibe die Gläser damit, und sie werden trotzdem nicht sauber. Es ist wie in meinem Film: Stellen Sie sich vor, Sie haben so etwas Verschmiertes lebenslang vor dem Auge.

Mit Ihrer Brille haben Sie auch während des Drehs herumexperimentiert: Sie haben sie sogar vor die Kameralinse gehalten, um die verzerrte Optik Jean-Dominique Baubys zu erhalten.

Das habe ich gemacht, um zu sehen, wie die Welt für Jean-Do aussieht. Er ist gelähmt, sitzt zurückgelehnt, und die Brille ist vor seinen Augen verrutscht. Da hat er ständig den Brillenrand im Blickfeld und kann nichts dagegen tun.

Warum haben Sie auf Französisch gedreht, mit französischen Schauspielern?

Kathleen Kennedy, meine Produzentin, wollte auf Englisch drehen, mit Eric Bana in der Hauptrolle. Aber ich wollte von Anfang an Mathieu Amalric, den ich vor Jahren in Oliver Assayas’ „Fin d'août, début septembre“ gesehen hatte. Ich wollte so nah wie möglich an den Gegebenheiten bleiben.

Wie wichtig ist es Ihnen, die Szenerie genau zu kennen? "Basquiat", Ihr erster Film, zeigte die New Yorker Kunstszene, in der Sie selbst zuhause waren …

Den „Basquiat“-Film habe ich gedreht, weil der Typ, der ihn ursprünglich hätte machen sollen, an das Thema herangegangen ist wie ein Tourist. Und ich hatte immerhin alles miterlebt und dachte, ich bin Jean-Michel verpflichtet, es richtig zu machen.

Vor „Schmetterling und Taucherglocke“ haben Sie an der Verfilmung von Patrick Süskinds „Parfüm“ gearbeitet.

Ich hatte schon das Drehbuch geschrieben, aber ich habe mich mit Bernd Eichinger nicht einigen können, der die Rechte an dem Stoff gekauft hatte. Ich mag den Tykwer-Film nicht besonders.

Was hätten Sie denn anders gemacht?

Ich hätte nicht versucht, Grenouille zu einem normalen Menschen zu machen. „Schmetterling und Taucherglocke“ ist meine Version von „Das Parfüm“. Wenn Jean-Do in seiner Phantasie auf dem Berg steht und tief einatmet, habe ich mir vorgestellt, wie Grenouille den ganzen Weg bis Ägypten riechen kann. Mein Film hätte mit einem Mann begonnen, der den Berg hinaufkriecht und in die Höhle geht und dort einschläft. Und dann hört man den Erzähler aus dem Off, der seine Geschichte erzählt, seine innere Stimme – wie bei Jean-Do, bei dem man auch die ganze Zeit hört, was er denkt. Keiner im Film hört das, nur der Zuschauer.

Was beim „Parfüm“ die Nase ist, ist bei „Schmetterling und Taucherglocke“ das Auge. Durch sein Blinzeln kommuniziert Bauby mit seiner Umwelt.

Es geht immer um Kommunikation. Grenouille wurde verrückt, weil er seine Kunst mit niemandem teilen konnte. Das Positive an Jean-Dominique Bauby war, dass er nach der Katastrophe eine zweite Chance ergreifen konnte. Tarkowskij sagte, Kunst ist eine Repräsentation des Lebens, nicht das Leben selbst. Das Leben enthält den Tod, die Kunst negiert ihn. Indem Jean-Do zum Schriftsteller wird, konnte er dem Tod entkommen, seiner Taucherglocke.

Die Szenen zwischen Jean-Do und seinem alten Vater, gespielt von Max von Sydow, sind besonders zart. Kommt das aus Ihrem Verhältnis zu Ihrem eigenen Vater?

Natürlich. Ich habe Max von Sydow sogar mein Hemd und meinen Pullover gegeben, als wir das drehten. Mein Vater lag im Sterben, als ich an dem Skript arbeitete, er war gefangen in seinem Körper und hatte Angst. Und auch ich hatte Angst, weil ich wusste, ich bin der nächste. Und ich suchte einen Weg, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Wenn im Film die Eisberge aus dem Wasser auferstehen, ist das ein Zeichen dafür, dass Jean-Do uns die Stafette weiterreicht.

Sie sind mit Filmen in den letzten Jahren erfolgreicher als mit bildender Kunst? Ein neuer Weg?

Es ist nicht so, dass mich Malerei nicht mehr interessiert. Ich habe immer gemalt, wenn ich abends von den Dreharbeiten kam. Malen ist wie atmen. Beim Filmen übersetzt man – vom Buch ins Skript und vom Skript in den Film. Das Interessanteste aber bei beidem ist für mich, nicht zu wissen, was man tut. Wozu bloß illustrieren, was man weiß? Ein Beispiel: Marie-Josée Croze hat, bevor wir drehten, mit der Autophonistin gesprochen, die Jean-Do betreut hat, und die hat gesagt, es war alles anders. Danach wollte Marie-Josée die Szenen nicht mehr so spielen, wie sie im Drehbuch standen. Daraus ist die Situation entstanden, in der sie das Zimmer verlässt, die Tür zuknallt, zurückkommt und sich entschuldigt. Ich habe einfach die Kamera mitlaufen lassen, und die Szene stand.


Das Gespräch führte Christina Tilmann.


JULIAN SCHNABEL, (56) ist Maler und  Filmregisseur. Seine bisherigen Filme: „Basquiat“ und „Before Night Falls“. Für sein neues Werk erhielt er in Cannes 2007 den Regiepreis.

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