SCHREIB Waren : Der Kasus Cruise

Steffen Richter über den Umgang mit Hitler und Hollywood

Steffen Richter

Südlich von Königs Wusterhausen müsste mittlerweile ein Nachbau von Hitlers Führerhauptquartier stehen. Übermorgen sollen dort die Dreharbeiten zu „Valkyrie“ beginnen, Bryan Singers Hollywoodfilm über das Attentat vom 20. Juli. Dann wird Tom Cruise als Stauffenberg durch den märkischen Sand stapfen.

Erstaunliche Dimensionen hat die Debatte um den Kasus Cruise angenommen. Sind es nur griesgrämige deutsche Verhinderer, die gegen den Dreh am Bendlerblock sind? Ist bei der Abwehr gar Antiamerikanismus im Spiel? Man könnte das alles für aufgebauscht und überflüssig halten. Wenn es nicht wieder einmal auch um das Selbstverständnis der Republik ginge, das seinen Fluchtpunkt in der NS-Zeit findet. Diesmal aber geht es um den Stellenwert des Widerstands. Der wird natürlich geadelt, wenn einer wie Tom Cruise den Stauffenberg gibt – wenn, wie Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck sagt, „der erfolgreichste aller Superstars“ sein „Superstar-Licht“ auf Stauffenberg wirft.

Ob man das sehen will, ist Geschmackssache. Fest steht allerdings – und da hat von Donnersmarck recht –, dass die Nachkriegsdeutschen beschlossen hatten, die Attentäter „erst einmal klein zu halten“. Der Widerstand wurde fast als illegal betrachtet – während NS-Mörder mit „Streichelstrafen“ davonkamen. Nachlesen kann man das in „Entsorgung der NS-Herrschaft?“ (Offizin Verlag), einem Buch des Politikwissenschaftlers und Juristen Joachim Perels (dessen Vater als Mitverschwörer des 20. Juli hingerichtet wurde). Am 19.7. (20 Uhr) stellt Perels das Buch im Brecht-Haus (Chausseestraße 125, Mitte) vor.

Ach so, übrigens waren nicht alle Deutschen im Widerstand! Daran erinnert Stephan Marks in seinem Buch „Warum folgten sie Hitler?“ (Patmos Verlag), das Interviews mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, SS-Offizieren und HJ-Funktionären versammelt. Deren Quintessenz stellt Marks am heutigen Dienstag (20 Uhr) im Martin-Gropius-Bau vor (Stresemannstraße 110, Kreuzberg). Es geht um die „Psychologie des Nationalsozialismus“, die mehr auf Emotionen als den Verstand setzte. Zugegeben, auch das ist so neu nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die meisten Deutschen dieser Psychologie auf den Leim gingen. An dieser Tatsache wird auch Superstar Tom Cruise nichts ändern.

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