Schul-Film : Schule der Demokratie

François Bégaudeau über sein Leben als Lehrer und den Film "Die Klasse".

Marcus Rothe
Die Klasse
François Bégaudeau in "Die Klasse". -Foto: Promo

Monsieur Bégaudeau, was hat Sie veranlasst, ein Buch über Ihre Erfahrungen als Lehrer zu schreiben ?



Der Alltag eines Lehrers ist ein genialer Stoff, denn man hat eine ideale Position, um die Gesellschaft zu beobachten. Ich unterrichtete in den sogenannten schwierigen Vierteln mit hohem Immigrantenanteil, man bekommt dort schnell einen Eindruck vom Zustand der französischen Sprache und den sozialen Spannungen. In einer Französischklasse steckt aber auch ein großes komisches Potenzial. Jeden Tag erlebte ich die aberwitzigsten Dialoge. Es ist also ein zugleich politischer und witziger Stoff.

Sind Ihre Klassenzimmerbeschreibungen realistisch oder stark fiktionalisiert ?

Im Roman habe ich dem Erlebten nichts hinzugefügt. Beim Drehbuch war das anders. Im Buch etwa schließt die Schule viele Schüler durch Disziplinarverfahren aus, im Film haben wir das Thema stärker fiktionalisiert.

Hat sich die Debatte um die Funktion der Schule – etwa bei der Integration von Benachteiligten – in jüngster Zeit verschärft?

Zwei Monate vor der Veröffentlichung des Buchs, im November 2005, brachen die Unruhen in den Pariser Vororten aus, Jugendliche randalierten auf den Straßen. Die Medien berichteten über die multikulturelle Bevölkerung der Banlieues; diese Aktualität verschaffte dem Buch sofort große Aufmerksamkeit. Dabei gibt es schon seit zwanzig, dreißig Jahren Probleme mit Einwandererkindern. Die große Herausforderung der französischen Republik lautet immer: Wie lassen sich die Benachteiligten integrieren, wie kann man zusammenleben? Schule ist ein universales Thema. Im Kern geht es im Buch wie im Film um die Frage: Wie spricht ein Erwachsener zu Kindern?

In einer der Schlüsselszenen des Films muss sich der von Ihnen gespielte Lehrer dafür rechtfertigen, dass er eine Schülerin als Zicke bezeichnet hat.

Die Episode, bei der um die Bedeutung des Worts „pétasse“ gestritten wird, ist sehr bezeichnend. Ich wurde ständig darauf angesprochen, und Regisseur Laurent Cantet wollte sie unbedingt im Film zeigen, denn sie handelt von den Spielregeln der Demokratie. Bei dem Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden, kommt es oft zu Missverständnissen. Man glaubt irrtümlich, von derselben Sache zu reden – weil man eine andere Herkunft und Kultur hat. Was in der Klasse zwischen Lehrer und Schülern abläuft, ist genau das: Sobald drei Menschen miteinander kommunizieren wollen, kommt es zu Sprachhindernissen und -unfällen.

Die Klasse im Film ist sehr heterogen; Sie verbringen viel Zeit damit, die Schüler zu disziplinieren. Zeigen Sie, wie demokratische Erziehung an ihre Grenzen stößt?

Ich bin 38, als ich in den 80er Jahren zur Schule ging, habe ich mich unglaublich gelangweilt. Inzwischen ist die französische Schule nicht mehr ganz so monoton. Aber sie ist immer noch zu stark auf die guten Schüler ausgerichtet, obwohl die staatliche Schule vor allem für die Schwachen da sein sollte. Es gibt diese Kluft zwischen der kulturellen Welt der Jugendlichen und dem Wissen, das man ihnen vermittelt. Molière mag ein wichtiger Autor sein, aber wie soll ich einem 13-Jährigen, der nie im Theater war, dessen Alexandriner aus dem 17. Jahrhundert nahe bringen? Der 13-Jährige versteht ja die Welt kaum, in der er lebt.

Welche Freiheiten hatten Sie als Französischlehrer?

Gewisse Texte sind vorgeschrieben, aber ich habe Molière weggelassen, ohne dass ich bestraft wurde. Wir verbringen ein Viertel des Lebens in der Schule, da ist es doch skandalös, dass man sich in dieser Zeit langweilt. Wenn man heute 25 Schüler vor die Wahl stellt, würden 24 von ihnen lieber etwas anderes tun, als zur Schule zu gehen. Ich bin kein Anarchist, aber ich sehe nicht ein, warum man Kinder zu etwas zwingen muss. Die Grundlage des Lernens sollte die Freude sein.

Sind Ihr Buch und der Film auch ein Plädoyer für die staatlichen Schulen, die an Niveau verlieren?

Einige Intellektuelle wie Alain Finkielkraut fühlen sich in ihrer Katastrophenstimmung eher bestätigt. Sie meinen, der Film demonstriere, wie die staatliche Schu le auf den Hund gekommen sei. Wenn man eine Klasse aber als einen Ort ansieht, an dem man nachdenkt, lebt und sich sogar amüsiert, dann ist die öffentliche Schule viel besser als vor 20 Jahren. Der Film ist eine Eloge auf diese Vitalität.

Viele Lehrer kapitulieren vor dem Desinteresse ihrer Schüler, sind deprimiert ...

Lehrer zu sein ist ein hartes Brot. Aber die Depressionen und Krankmeldungen haben generell zugenommen, auch in anderen Bereichen sind die Arbeitsverhältnisse bedrückender geworden. Manche Menschen stehen um 6 Uhr auf, nehmen den Zug aus der Banlieue nach Paris, arbeiten von 8 Uhr bis 18 Uhr, nehmen den Zug, essen und schlafen. Was ist das für ein Leben? Ich mochte den Lehrerberuf, aber als sich für mich die Möglichkeit ergab, Geld zu verdienen, ohne morgens um 7 Uhr aufzustehen, habe ich aufgehört.

Ist es Ihnen leichtgefallen, zum Schauspieler zu werden ?

Glauben Sie Schauspielern nicht, die über ihre Arbeit stöhnen! Wie sagt Daniel Auteuil? Man stellt sich vor eine Kamera und tut nichts. Ich weiß, dass ich beim Reden zu viel gestikuliere. Auf einer großen Leinwand wirkt das furchtbar. Also habe ich versucht, mich ein wenig im Zaum zu halten und nicht so viele Grimassen zu schneiden.

Das Gespräch führte Marcus Rothe.

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