Selbst ist die Braut : Kiss me, Tate

In "Selbst ist die Braut" wischt Anne Fletscher bei der Rolle Sandra Bullocks jeden emanzipatorischen Anspruch einfach weg. Dass das auch besser geht, zeigen andere Regisseurinnen in Hollywood.

Daniela Sannwald
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Verkehrte Welt. Margaret (Sandra Bullock) und Andrew (Ryan Reynolds). -Foto: Touchstone Pictures

Margaret Tate, Cheflektorin eines großen New Yorker Verlages, kommt auf High Heels dahergestöckelt; ihr schwarzes Kostüm sitzt so eng wie die derzeit diskutierten Ganzkörper-Schwimmanzüge und scheint ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Kein Wunder, dass sie schlechte Laune hat und bei ihren Untergebenen Angst und Schrecken verbreitet.

Im Film „Selbst ist die Braut“ zeichnet die Regisseurin Anne Fletcher („27 Dresses“, 2008) das Klischeebild einer eisernen Lady: verbissen, verkrampft und machthungrig. In ihre Business-Uniform eingenäht, -geknöpft und -gegürtet, ist sie buchstäblich unbeweglich – eine visuelle Metapher für ihre mangelnde emotionale und soziale Flexibilität.

Von der eisernen Lady zum anschmiegsamen Frauchen

Wie im Genre der romantischen Komödie üblich, wird die Figur aus ihrem Biotop herausgenommen und in ein anderes gesteckt, wo es zum Überleben eben jene Fähigkeiten braucht, die bei ihr anscheinend am schwächsten ausgeprägt sind. Dass dafür ein Mann, der sie eigentlich gar nicht interessiert, auf den sie aber angewiesen ist, verantwortlich ist, verwundert ebenso wenig wie die langsame Verwandlung der Hardlinerin durch ein paar prüde Küsse – die einer 14-, aber nicht einer 40-Jährigen angemessen wären – in ein anschmiegsames Frauchen, das am Schluss in einem fließenden, cremefarbenen Satin-Hochzeitskleid tränenüberströmt öffentlich zu Kreuze kriecht. Und endlich fliegen ihr die Herzen zu, auch und vor allem das des Mannes, der einen Sieg auf der ganzen Linie verzeichnen kann: Er hat sie so sehr zurechtgestutzt, dass der ursprüngliche Heiratsgrund – um ihren Job zu retten, musste sie als Kanadierin in den USA heiraten, da ihr Visum abgelaufen war – entfällt. Er selbst wird jetzt Lektor.

Erstaunlich und unerwartet ist an dieser Geschichte nur die Moral. Anders als in den romantischen Komödien der achtziger („Harry und Sally“, 1989) und neunziger Jahre („Sleepless in Seattle“, 1993), wie sie Fletchers Kollegin Nora Ephron geschrieben und inszeniert hat, liegt es in „Selbst ist die Braut“ ganz allein an der Heldin, sich zu ändern. Der Mann ist in Ordnung, so wie er ist; nach dreißig Jahren Gender-Forschung, -förderung und -differenzierung wird mit Sandra Bullocks Figur der Margaret Tate jeglicher emanzipatorische Ansatz weggewischt: Mädels, Finger weg von Chefsesseln und Blackberrys, oder ihr kriegt keinen Mann! Das ist die ziemlich simple Botschaft eines Films, der mit dem deutschen Verleihtitel „Selbst ist die Braut“ (Originaltitel: „The Proposal“) seinem prospektiv mehrheitlich weiblichen Publikum eine Eigenständigkeit suggeriert, die der Titelheldin völlig fremd ist. Es sind die fünfziger Jahre, die der Film wiederaufleben lässt. Dazu passt übrigens, dass es in Nora Ephrons nächstem Film „Julie & Julia“ (ab 3. September) in jene Epoche zurückgeht: Ihre Protagonistin hat nichts Besseres zu tun, als die Rezepte der in den Fünzigern berühmten Kochbuchautorin Julia Child nachzukochen.

Am anderen Ende der Skala liegen die Filme der Regisseurin Kathryn Bigelow. Auch in ihrem neuen Film „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (Kinostart 13. August) stehen Menschen im Zentrum, die sich nicht bewegen können: Soldaten einer Eliteeinheit im Irak, die für das Beseitigen von Bomben verantwortlich sind. Derjenige von ihnen, der die Bombe per Hand entschärft, wird in einen Schutzanzug gesteckt, ähnlich dem der Astronauten, inklusive des Helms, in den künstliche Sauerstoffzufuhr und Funkgerät integriert sind. Im Fall einer Bombenexplosion hilft das nichts.

Männern und Frauen leben in verschiedenen Sphären

Die Männer, die Kathryn Bigelow in ihrem Film beschreibt, sind ebenso emotional gestört wie Anne Fletchers Heldin, aber sie bleiben unerlöst. Wie schon in ihrem Polizeifilm „Blue Steel“ (1989) oder dem Surfer-Film „Point Break“ (1991) erzählt Bigelow von sozialen Ritualen und Verhaltenskodizes in Männerbünden mit hohem Testosteronspiegel: Es geht um einen Hasardeur, der mutwillig mit seinem Leben spielt, um Wettbewerb, Kampf und Sieg – noch in ihrer Freizeit prügeln die Soldaten in der Kaserne aufeinander ein, um Spannung abzubauen. Es geht um die Abwesenheit von Frauen, und die Bomben werden mit Obszönitäten belegt, die viel mit weiblichen Geschlechtsteilen und ihren Funktionen zu tun haben. Zu Hause in den USA gibt es Frau und Kind, aber Bigelows Held geht freiwillig zurück in den Krieg.

Eher indirekt thematisiert auch Bigelow das Verhältnis der Geschlechter untereinander: Zwischen Männern und Frauen gibt es kaum Berührungspunkte; sie leben in verschiedenen Sphären. Trotz aller Konflikte fühlen sich die Soldaten in der Sondereinheit wohl, sprechen die gleiche Sprache und lachen über die gleichen Witze, haben einen selbstverständlichen, körperlichen Umgang miteinander. Das wirkt zumindest authentischer als Fletchers Geschlechtsstereotypen: Genaue Beobachtung ist allemal besser als Klischees.

Anne Fletcher, Jahrgang 1966, ist eine Profiteurin der Gleichstellungsdebatte, die Bigelow, Jahrgang 1951, mit angestoßen hat. Als Regisseurinnen in Hollywood sind sie nach wie vor Ausnahmen, und vielleicht deshalb müssen sie auf verschiedene Weise männliche Sphären fokussieren. Eigentlich hatte man gedacht, dass es inzwischen keine Rolle mehr spielen sollte, ob eine Frau oder ein Mann auf dem Regiestuhl sitzt. Vielleicht ein Irrtum. So hofft man weiterhin auf Hollywood-Regisseurinnen, die Filme zwischen Heiratshysterie und TestosteronFaszination inszenieren, wie es ihre europäischen Kolleginnen längst tun. Aber dafür braucht es Bewegungsfreiheit.

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