Selbstjustiz-Thriller : Routinedienst

Bierernster Cop-Film: "Kurzer Prozess" mit Al Pacino und De Niro.

Martin Schwickert
Kurzer Prozess
Altgediente unter sich. -Foto: Promo

Von Til Schweiger lernen heißt siegen lernen, mag sich der deutsche Verleih gedacht haben und bot nach einem desaströsen Kritikerecho in den USA für den Selbstjustiz- Thriller „Kurzer Prozess“ keine offiziellen Pressevorführungen, sondern nur die Sichtung im kleinen Kreise an. Hier sollten sich die Journalisten verpflichten, bei Nicht-Gefallen auf die Veröffentlichung einer Filmkritik zu verzichten. Aber auf solche inakzeptablen Bedingungen muss man sich nicht einlassen, wenn der Film im schönen Nachbarland Polen schon zu sehen ist.

In „Kurzer Prozess“ ist Regieroutinier Jon Avnet auf den ersten Blick ein gewaltiger Besetzungscoup gelungen. Zwar spielten Robert De Niro und Al Pacino schon in „Der Pate 2“ (1974) die beiden Hauptrollen, waren aber in keiner einzigen Szene zusammen zu sehen. In Michael Manns „Heat“ (1995) brachten sie es gerade einmal auf sechs gemeinsame Filmminuten. In „Kurzer Prozess“ führt Avnet die beiden italoamerikanischen Schauspielerlegenden nun in fast jeder Szene zusammen und schraubt damit die Erwartungen sehr weit nach oben.

Pacino und De Niro geben ein eingespieltes Cop-Couple. Dreißig harte Dienstjahre im New Yorker Morddezernat haben Turk und Rooster zusammen geschweißt. Nun sollen sie mit den Kollegen Riley (Donnie Wahlberg) und Perez (John Leguizamo) gegen einen Serienmörder ermitteln, der sich auf die Beseitigung von nicht verurteilten Schwerverbrechern spezialisiert hat. Der kriminalistische Elan hält sich in Grenzen, bis die Spur in die eigenen Reihen führt. Dabei wird dem Publikum scheinbar ein Wissensvorsprung verschafft, indem immer wieder ein Vernehmungsvideo eingeblendet wird, in dem Turk die Morde an vierzehn ehemaligen Klienten zugibt.

Diese Vorwegnahme erweist sich als Eigentor, weil sie das Interesse des Publikums von Anfang an blockiert – auch wenn im Finale die filmische Wahrheit noch einmal vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Schlimmer aber noch als die erzählerische Dysfunktionalität wiegt die Verschwendung von hochkarätigem Schauspielerpotenzial für die lieblos entwickelten Charaktere. Allzu komfortabel lässt Avnet die altgedienten Stars in der eigenen Nährlösung schwimmen. Pacino darf zwischen Tränensäcken seine bewährt-charismatischen Blicke abfeuern. De Niro setzt die Magenbittermine auf und wird auch noch in eine lächerliche Sado-Maso-Affäre mit einer um einige Jahrzehnte jüngeren Kollegin von der Spurensicherung (Carla Gugino) hineinmanövriert.

Gerade weil De Niro und Pacino schon so oft in der Rolle der knallharten Polizeikader zu sehen waren, hätte man die Gelegenheit für ein freies Spiel mit den Figurenklischees nutzen können. Auch ein wenig Selbstironie hätte den Hollywood Veteranen gut gestanden. Aber Avnets Routine-Thriller segelt bierernst und ambitionslos mitten hinein ins Meer des baldigen Vergessens.

Ab Donnerstag in den Kinos

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