''Sicko'' : Der amerikanische Patient

Wie viel Eitelkeit verträgt die Moral? In seinem neuen Film "Sicko“ beleuchtet Michael Moore die Schwächen des amerikanischen Gesundheitswesens. Währenddessen wird der Schöpfer des Politainment selbst in den USA vom Sockel gestoßen.

Christiane Peitz
sicko
Glückliches Großbritannien. Auf Michael Moores Frage, wie viel Geld das Paar für die Entbindung hat bezahlen müssen, antworten die...Foto: Senator

Das ist Adam. Adam hat keine Krankenversicherung und näht sich seine Kniewunde selbst wieder zu. Das ist Donna. Donna war krebskrank, ihr Mann ist jetzt herzkrank, trotz Krankenversicherung müssen sie ihr Haus verkaufen, wegen der astronomischen Behandlungskosten. Nun ziehen sie in die Garage der Tochter. Das ist Amerikas Gesundheitswesen.

In „Fahrenheit 9/11“ hatte Michael Moore Amerikas Außenpolitik angeprangert, nun knöpft er sich in „Sicko“ die Innenpolitik vor: das nichtstaatliche Gesundheitssystem mit 50 Millionen Bürgern ohne Krankenversicherung, mit zahlungsunfähigen Schwerkranken, die von der Klinik per Taxi auf der Straße ausgesetzt werden, und mit 250 Millionen Versicherten, an denen die Konzerne Milliarden verdienen.

Wieder führt Michael Moore starke Worte, drastische Lehrbeispiele und dramatische Pointen ins Feld. Die einzige kostenlose, gute medizinische Versorgung Amerikas gibt es in Guantanamo! Selbst Feuerwehrleute, die nach ihrem Einsatz auf Ground Zero unter Atemwegserkrankungen leiden, werden nicht anständig behandelt! Groteske Zuspitzung: Moore füllt ein Boot mit kranken 9/11-Helden, hisst die US-Flagge, schippert nach Guantanamo und zum kommunistischen Teufelsstaat Kuba, wo seine Schützlinge kostenlos kuriert werden.

Moore, der Volkspädagoge. Ein Aufklärungskrieger, der sein Fakten-Schnellfeuer erneut mit clownesken Querschlägern anreichert. Kaum zu glauben, dass das reichste Land der Erde als eine der letzten Industrienationen keine öffentliche Gesundheitsversorgung kennt. Seit Nixon unterliegt das US-Gesundheitssystem dem reinen Profitdenken, und selbst Hillary Clintons Reformversuche wurden per Wahlkampfspende kassiert.

So sind sie, die Amerikaner, auch die Linken, die Irakkriegsgegner, Regierungskritiker oder Klimaschutzaktivisten. Ob Gore Vidal oder Michael Moore, sie engagieren sich mit missionarischem Eifer, machen viel Wind und gerne große Show. Sie misstrauen der Macht des Arguments und setzen auf Agitation. Bei allem Verständnis für den Zweck, solche Mittel mögen Europäer nicht gerne.

Zumal Michael Moore viele schlechte Eigenschaften vorweisen kann. Er ist populistisch, polemisch und plakativ, ein Patriot und Propagandist, außerdem dick und eitel. Ausgerechnet so einer will der Moralprediger der Nation sein und ihr Gesundheitsapostel? Als Moore 2003 den Oscar für „Bowling for Columbine“ bekam und das andere Amerika mit seinem „Shame on you, Mr. Bush!“-Schlachtruf einte, als er 2004 für „Fahrenheit 9/11“ in Cannes siegte und seine 60-Städte-Wahlkampf-Ochsentour für die Demokraten unternahm, da sahen ihm die Bush-Kritiker auf beiden Seiten des Atlantiks seine unangenehmen Seiten noch weitgehend nach.

Andererseits: Warum muss Moral bescheiden bleiben? Schließen Protest und Profit einander aus? Was ist schlimm daran, dass es Moore mit „Fahrenheit 9/11“ zwar nicht gelang, Bushs Wiederwahl zu verhindern, er aber mit einem Einspielergebnis von 120 Millionen Dollar den Dokumentarfilm-Weltrekord schaffte?

Inzwischen bringt der Polit-Entertainer, der auszog, mit Mainstream-Methoden den Mainstream zu bekämpfen, viele gegen sich auf. Nicht nur Republikaner und Firmenbosse, die seine anarchisch- investigativen Methoden ebenso fürchten wie die Puristen seine wilde Mischung aus Aufklärung und Unterhaltung, sondern auch Demokraten, engagierte Bürger, einfache Leute. Die, für die er sich starkmacht, stören sich daran, dass er statt auf Solidarität zunehmend auf den Egotrip setzt.

Der Politstar Moore überspannt den Bogen, wenn er seine Städtetour nun auch noch als Doku aufbereitet („Captain Mike across America“ wurde soeben in Toronto uraufgeführt) und sich selbst feiert. Er übertreibt es mit dem Selbstlob, wenn er in „Sicko“ erzählt, wie er dem Betreiber einer Anti-Moore-Website 12 000 Dollar überweist, damit der seine Krankenhausrechnung bezahlen und weiter vom Grundrecht der Meinungsfreiheit Gebrauch machen kann – und sei es von der Freiheit, sich sein Moore-Bashing im Internet etwas kosten zu lassen. Seht, was für ein toller Kerl ich bin: Es ist diese Geste, die Moores moralische Position zweifelhaft macht.

Inzwischen gibt es bereits Anti-MooreBücher und -Filme, die Moore mit eben jenen Methoden kritisieren, die der Dokumentarist seit „Roger & Me“ gegen die Mächtigen anwendet. Michael & Me: Die Frechheit des Mannes, der das Politainment erfunden hat und das Mockumentary, macht Schule. Nun wenden die Schüler seine Lehre von der Sprengkraft der Unerschrockenheit gegen ihn selbst und stoßen die Autorität vom Sockel.

Den kräftigsten Stoß verpassen ihm ausgerechnet zwei Fans. Eigentlich wollten die kanadischen Dokumentaristen Debbie Melnyk und Rick Caine ein biografisches Moore-Porträt drehen. Aber bei der Recherche erlebten sie derart böse Überraschungen, dass „Manufacturing Dissent“ (DVD ab 9. November bei Sunfilm) nun vor allem diese dokumentiert. Moores Selbstherrlichkeit und Ignoranz. Seine Ablehnung sämtlicher Interviewanfragen. Sein Team, das Melnyks Team bei einem Uniauftritt Moores die Kamera entreißt. Und: seine Manipulationen. Michael Moore, der Wahrheitsprediger, lügt, zumindest indirekt. Er verdreht die Chronologie von Ereignissen, kaschiert, montiert, inszeniert.

Ein Beispiel. In „Bowling for Columbine“, Moores Studie über das Gewaltpotenzial der USA, erhält der Regisseur bei der Eröffnung eines Kontos von der Bank ein Gratisgewehr. Doch das Gewehr wurde auf Wunsch Moores eigens für den Drehtag bereitgestellt. Und die 500 Gewehre, die laut einer Angestellten im Tresor sind, liegen 300 Meilen von der Bank entfernt. Diesen Zusatz hat Moore weggeschnitten.

Ist Michael Moore damit diskreditiert? Jein. Einerseits verrät er viel von seiner Botschaft, wenn er nicht ehrlich ist. Andererseits ist Film, wie Moore selbst betont, immer Montage. Jedes Medienbild ist manipulierte Wirklichkeit. Und: „Sicko“ kommt weit weniger egomanisch daher als „Fahrenheit 9/11“. Moore wirbt für die schlichte Wahrheit, dass ein staatliches Gesundheitssystem besser ist als ein privates, nennt marode Verhältnisse beim Namen und setzt auf das Staunen als erste Bürgerpflicht. Und auf Einmischung als Konsequenz dieses Staunens.

In „Sicko“ geht er auf Reisen und bewundert das staatliche Gesundheits-, Sozial- und Bildungssystem in Kanada, Großbritannien oder Frankreich. Okay, er beschönigt. Aber er tut es, um den 80 Prozent der Amerikaner, die nicht mal einen Pass haben, zu bedeuten: Macht euch selbst ein Bild, schaut euch um, ihr habt die Wahl! Geht nach Kanada zum Arzt!

In „Manufacturing Dissent“ erläutert ein Moore-Kritiker, dass „wir Amerikaner unseren Führern zu sehr glauben. Wir sollten genau überlegen, wem wir vertrauen.“ Misstraut den Bossen! Misstraut Michael Moore! Es lohnt, seine Filme gegen ihn zu verteidigen.

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