''Sieben Leben'' : Solange dein Herz schlägt

In der Vermengung gegensätzlicher Tonlagen ist "Sieben Leben" geradezu radikal. Elegie und Hymne: Gabriele Muccinos Hollywood-Märchen – mit Will Smith.

Sebastian Handke
Smith
Komm näher. Emily (Rosario Dawson) und Ben (Will Smith). -Foto: Sony Pictures

Die Frage ist doch: Wenn das Licht ausgeht, und der Film beginnt – welche Haltung nimmt der kritische Konsument ein? Misstraut er ihm zunächst und lässt sich erst allmählich überzeugen? Oder gibt auch er sich hin, lässt sich verführen, um das Überwältigungspotenzial voll auszuschöpfen? Anders gefragt: Realist oder Träumer?

„Sieben Leben“ ist bis zur Schmerzgrenze manipulativ. Er verlangt, dass man weite Wege mit ihm geht, sich an der Nase herumführen lässt und einige ziemlich fiese Tricks verzeiht. Schon die kurze Eröffnung! „Ich brauche einen Krankenwagen“, keucht Ben Thomas (Will Smith) ins Telefon. „Es hat einen Selbstmord gegeben.“ – „Wer ist das Opfer?“ – „Ich.“ Dann erzählt eine lange Rückblende davon, wie der traurige Ben das Leben von sieben Menschen verändert, indem er ihnen einen Geschenk macht. Die zweifache Mutter, die von ihrem Freund geprügelt wird; der blinde Pianist Ezra (Woody Harrelson); die sterbensherzkranke Emily (Rosario Dawson). „Sieben Leben“ erinnert an „L. A. Crash“, „Babel“ oder „Amores Perros“ – nur ist es diesmal nicht das Schicksal, das die Lebensstränge fremder Menschen verknüpft, sondern ein Mann mit einem Plan und einer Namensliste. Sein Motiv? Es bleibt bis zuletzt im Dunkeln. Regisseur Gabriele Muccino bereitet das Drama als Mystery auf.

Mit diesem Kniff sorgt Muccino zwar für viel Wucht zum Finale, riskiert aber auch Widerwillen. In den USA reagierten Kritiker teils mit Abscheu auf „Sieben Leben“. Das liegt gewiss auch daran, dass Muccinos Film den Freitod in ein nobles Licht zu rücken scheint – für gläubige Christen ist das schwer zu schlucken. Noch schwerer aber dürfte wiegen, dass er eine Geschichte, die der Konvention nach im Arthouse-Kino ihren Platz hätte, unerschrocken als Rührstück auf die Leinwand wirft. Mit suggestiver Musik, ansprechend gesättigten Bildern und aufs Stichwort einsetzendem Trauerregen.

Muccino kommt damit durch, weil er über Darsteller verfügt, die wissen, wann man sich zurücknehmen muss. Die Zeichnung der Figuren ist nicht sehr tief, reicht aber gerade aus, dass sie einem ans Herz wachsen. Mehr noch als für Will Smith, der in einer Rolle, die ihm etliche Stimmungswechsel abverlangt, an seine beachtlichen Leistungen in „Das Streben nach Glück“ und „I am Legend“ anknüpfen kann, gilt das für Rosario Dawson. Ihr ungezwungener Charme erdet einen Film, der andernfalls schwer über die Stränge hätte schlagen können.

Die kurze Begegnung zwischen Ben und Emily ist überhaupt das Schönste an „Sieben Leben“. Herrlich zaghaft, verkrampft und unbegabt wurschteln die beiden sich durch das erste und einzige gemeinsame Abendessen auf ihrer Gartenterrasse. Zwei, die vom Leben nichts mehr erwarten dürfen, werden von der Liebe überrascht: Wie Ben zunächst in ihr Leben drängt und Emily dann, alle Zweifel über Bord werfend, die Führung übernimmt, als er an eine unausgesprochene Grenze stößt – da tanzen zwei, die das Tanzen verlernt haben.

Mehr noch als „Das Streben nach Glück“, Muccinos erster Film mit Will Smith, der immerhin noch auf einer wahren Geschichte beruhte, läuft der Märchenrealismus von „Sieben Leben“ stets Gefahr, dass solche Nuancen übersehen werden. Muccino belebt die große Gefühlsgeste eines auf Wirkung bedachten Geschichtenerzählers mit kleinen Feinfühligkeiten, wie man sie eher von Autorenfilmern erwartet. Und mit Will Smith als bevorzugtem Darsteller hebt er seine dunkel schillernden Filme zusätzlich noch in den Rang eines Mainstream-Ereignisses.

In der Vermengung dieser gegensätzlichen Tonlagen ist „Sieben Leben“ geradezu radikal: herb und sentimental, schwermütig und märchenhaft, morbide und lebensbejahend – eine Elegie, die zugleich eine Hymne ist. Aber eben auch ein Film, der unverhohlen aufs Herz seiner Zuschauer zielt statt auf ästhetische Wahrhaftigkeit.

Und selbst wenn der Zuschauer ahnt, wie alles wird – wenn das dicke Ende kommt, ist er doch verblüfft, dass „Sieben Leben“ der gelegten Spur tatsächlich folgt, mit allerletzter Konsequenz. Spätestens dann werden sich bei den einen die Haare sträuben. Die anderen aber sollten ihre Zellstofftücher zücken. Manchmal muss es einfach Tränen geben.

In 20 Berliner Kinos; OV im Cinestar SonyCenter

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