Sport mit 100: : Jenseits aller Grenzen

Jan Terhavens Doku „Herbstgold“ zeigt ehemalige Spitzensportler, die für die Leichtathletik-WM der Senioren trainieren.

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Manche gehen zum Seniorentanztee oder zu Yoga 50plus. Auf solchen Pipifax würden sich die Helden von Jan Terhavens Dokumentation „Herbstgold“ niemals einlassen. Alfred, Gabre, Herbert, Ilse und Jiri sind ehemalige Spitzensportler. Ihre Medaillen ruhen in Vitrinen, doch für den Ruhestand ist noch lange nicht Zeit. Alle fünf trainieren bis zur Leistungsgrenze für die Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Senioren, die alle zwei Jahre unter weitgehendem Desinteresse der Weltöffentlichkeit über 5000 Menschen vereint, fein sortiert nach Geschlecht und Fünfjahres-Altersstufen. Dabei beginnt der Seniorenstatus bei den Frauen schon mit 35 Jahren, bei den Herren mit 40. Die „Herbstgold“-Heroen aber liegen deutlich drüber: 77 Jahre ist die Jüngste, der Älteste 100. Die meisten leben allein und haben mit Einsamkeit und schleichenden körperlichen Gebrechen zu kämpfen.

Herbert Liedtke aus Stockholm etwa ist gerade Witwer geworden, in seiner früheren Villa führt jetzt der Sohn das Regiment. Der bejahrte Hochspringer übt im Türrahmen seiner Altersheim-Wohnung Klimmzüge, um sich für die Weltmeisterschaft im finnischen Lahti fit zu machen. Im norditalienischen Brescia gibt Gabre Gabric auch mit 95 Jahren noch die Diva und nutzt den Balkon ihrer Neubauwohnung zum Fitnesstraining. Diskuswerfen übt sie im Park. Früher hat sie fast 38 Meter geworfen, jetzt ist die Dreizehnmetermarke das ersehnte Ziel. Gabre setzt ganz auf Weiblichkeit und Bella Figura – ihre trotzige Verweigerung dem Alter gegenüber macht sie zur tragischsten Figur des Films.

Nüchterner ist da die deutsche Kugelstoßerin Ilse Pleuger, die im Geist mit ihrem längst verstorbenen Ehemann kommuniziert und Erinnerungsstücke ausmustert für den Umzug in ein kleineres Domizil. Und Hochspringer Jiri Soukup muss das WM-Anmeldeformular mit Hilfe von Ehefrau und Lupe ausfüllen. Im Sehnsuchtsziel Lahti bangt er wie alle vor der beängstigend fitten Konkurrenz. Dabei sein ist doch nicht alles. Nur Stabhochspringer Alfred Proksch aus Wien, der nach einer Knieoperation mit dem Rollator anrückt, muss nichts befürchten: Der Hundertjährige hat in seiner Altersklasse „100+“ keinen Konkurrenten – und so die Goldmedaille in der Tasche.

Brennenden Ehrgeiz und eine persönliche Zielmarke haben alle diese Einzelkämpfer. Doch der Kampf um Höhe, Weite und Tempo ist trotz Trainings ein Hase-und-Igel-Lauf mit verschwindender Zeit und Körperkraft. „Herbstgold“ präsentiert anrührende und skurrile Momente dieses vergeblichen Aufwands, zeigt aber auch, wie perfekt sich die im Dokumentarfilm mittlerweile übliche personalisierte Spannungsdramaturgie den Idealen der individualisierten Konkurrenzgesellschaft anpasst: „Im nächsten Jahr bin ich ein bisschen besser“ sagt der 92-jährige Liedtke. Vielleicht wäre Tanztee keine schlechte Alternative. Oder gemeinsames Fussballspielen wie bei dem schon vor der Fußball-Weltmeisterschaft aktiven südafrikanischen FC Vakhegula (FC Großmutter), in dem alte Frauen lustvoll und spielerisch Körper und Geist trainieren.

Mit seinem altersbegleitenden Vorzeige-Optimismus fügt sich „Herbstgold“ freundlich in die florierende Landschaft des Senioren-Feel-Good-Kinos. Wahrscheinlich ist auch der Film über den FC Vakhegula längst in der Mache.

Kulturbrauerei, Neues Kant und Union;

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