Kino : Spring dich frei

Ballett in den Townships: die Doku „Dance for all“

Daniel Wixforth

„Schwarze Kinder haben zu große Füße und zu dicke Hintern fürs Ballett!“ So klingen die Vorurteile, mit denen sich Philip Boyd und Phyllis Spira, zwei ehemalige Profitänzer und Gründer der Ballettschule „Dance for all“, in den Townships von Kapstadt herumschlagen müssen. Die in Südafrika immer noch vorhandenen Denkmuster der Apartheid führen bei weißen Besuchern der Tanzschule zu Misstrauen gegenüber dem Projekt.

Grund genug wäre das für filmische Gesellschaftskritik. Doch die Regisseurinnen Elena Bromund und Viviane Blumenschein heben zum Wohl ihres Dokumentarfilms, der den Alltag der Tanzschule begleitet, den moralischen Zeigefinger nur sehr subtil und erzählen stattdessen lieber die Geschichten der Protagonisten. Da gibt es Nqaba, noch keine 20 Jahre alt, der zu den fortgeschrittensten Tänzern der Schule gehört. Sein Talent ermöglicht ihm die Teilnahme an einem Workshop in San Francisco, wo er zum ersten Mal die Welt jenseits der Townships entdeckt. Diese ist nicht nur aufregender, sondern für einen Tänzer auch profitabler als die Auftritte in der afrikanischen Heimat. Er begreift, dass die begrenzten Möglichkeiten von „Dance for all“ seiner Laufbahn als Tänzer irgendwann im Weg stehen könnten. Wieder zurück in Kapstadt, meldet er finanzielle Ansprüche bei seinen Tanzlehrern an und gerät mit diesen in Konflikt.

Auch die 18-jährige Zandile verbringt jede freie Minute in der Ballettschule und hofft, dass ihr das harte Training eines Tages den Weg in eine internationale Karriere eröffnen wird. Auch sie wird außerhalb des Balletts immer wieder in eine andere, gänzlich unglamouröse Welt zurückkatapultiert: Ihr Vater ist Alkoholiker und wohnt nicht mehr bei der Familie. Als er es wieder nicht schafft, zu einem ihrer Auftritte zu kommen, verliert sie endgültig das Vertrauen in ihn. Vor ihrer Mutter macht sie keinen Hehl daraus, dass sie Südafrika sofort verlassen würde, wenn sich die Gelegenheit ergäbe.

Trotz des detaillierten Blicks auf häusliche Problemsituationen ist „Dance for all“ in erster Linie ein mitreißender Tanzfilm, der ähnlich wie der so erfolgreiche Berliner Dokumentarfilm „Rhythm is it“ von einem Spagat lebt. Dem Spagat zwischen den bewegenden Tanzszenen, zu Musik von Smetana oder zeitgenössischem Hip-Hop, und dem nüchternen Charakter der Interviews jenseits der Bühne, die in so ganz anderen Sphären spielen. Denn den Spagat üben schließlich auch die Tänzer: zwischen dem harten Leben in den Townships und dem Stolz, dem Erfolg und der Leidenschaft auf der Ballettbühne. Daniel Wixforth

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