Stephen Frears : "Angela Merkel ist auch eine gute Filmfigur"

Der britische Regisseur Stephen Frears spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über mächtige Frauen und seine Komödie der Eitelkeiten.

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Stephen Frears -Foto: ddp

Mister Frears, drehen Sie in „Chéri“ das Rad der Zeit zurück?



Wenn man zu viel zurückschaut, wird man von Nostalgie paralysiert. Deshalb wird mein nächster Film auch wieder ein sehr moderner sein.

Ist „Chéri“ nicht doch aktuell, in dem Sinne, dass er etwas über die Zeit erzählt, in der er gedreht wurde?

Meine beiden historischen Paris-Filme, „Die gefährlichen Liebschaften“ von 1988 und jetzt „Chéri“, markieren jeweils das Ende einer Epoche: Laclos'' „Liaisons dangereuses“ wurden durch die Französische Revolution beendet, und die Belle Epoque in „Chéri“ mündete in den Ersten Weltkrieg. Auch in Großbritannien haben wir in einer außergewöhnlichen sozialen Phase gelebt, die jetzt ihr Ende erreicht hat. Deshalb war es für mich in letzter Zeit so reizvoll, Filme über reiche Leute zu machen. Ich war nämlich von irren Reichen umgeben.

Was ist das Besondere an den Edelkurtisanen in „Chéri“?

Haben Frauen nicht immer etwas Subversives an sich? Diese hier sind reich, aber zugleich Prostituierte. Es handelte sich bei diesen Frauen um eine sehr exzentrische, einflussreiche Gruppe außerhalb der Gesellschaft.

Worin liegt die Macht der Kurtisanen? Sie sind zwar reich und schön, doch ahnt man, dass ihnen übel mitgespielt wurde.

Jeder bezahlt seinen Preis, nicht wahr? Deshalb wurden sie zu diesen grotesken Frauen. Sie haben sich in Monster verwandelt. Bis auf Léa de Lonval, die cleverer ist. Man hätte die Geschichte auch in Beverly Hills ansiedeln können.

Das Drehbuch zu „The Queen“, für deren Verkörperung Helen Mirren den Oscar erhielt, stammte von Peter Morgan. Was reizt Sie daran, Filme über die Mächtigen zu drehen?

Es ist sehr unterhaltsam. Die Queen entpuppte sich für mich unerwartet als menschliches Wesen. Ich könnte ja einen über Angela Merkel drehen.

Ist sie denn als Charakter interessant?

Ich weiß nicht viel über sie, aber sie scheint zu den fähigsten Politikern in Europa zu gehören.

Und Ihre eigene Regierung: Shakespeare in heutiger Zeit?

Es ist eine Katastrophe. Gordon Brown ist eine tragische Figur, die an Shakespeare-Dramen erinnert. Blair hingegen war einfach nur grauenhaft. Brown war ein ehrlicher Mann, der durch seinen eigenen Charakter zu Fall gebracht wurde. Aber verglichen mit Blair ist er ein Heiliger. Blair ist der eigentliche Schocker. Wenn in Großbritannien eine öffentliche Hinrichtung stattfände und Brown ankündigen würde, Blairs Kopf abzuschlagen, wäre er plötzlich sehr beliebt.

Die Dialoge in „Chéri“ sind ausgesprochen witzig. Trotzdem erzählen Sie eine erschütternde Liebesgeschichte.

Mich jedenfalls hat sie erschüttert. Mache Menschen realisieren ihr Leben lang nicht, dass sie die Richtige oder den Richtigen getroffen haben. Das ist ein universelles Problem. Ich bin überzeugt davon, dass es heute noch gesellschaftlichen Druck auf Liebesbeziehungen und Eheschließungen gibt.

Mit einer jüngeren Léa de Lonval wäre also alles gut ausgegangen?

Chéris Mutter beendet die Beziehung, indem sie ihren Sohn zwingt, Edmée zu heiraten. Und am Ende ist er mit Léas Alter konfrontiert und läuft davon. Passiert das heutzutage denn nicht mehr? Wäre es andersherum, ein alter Mann und eine junge Frau, würde niemand ein Wort darüber verlieren.

Warum haben Sie diesen traurigen Film in so prächtigen Interieurs gedreht?

Das hat Colette vorgegeben. Sie schreibt seitenweise über die Kleider ihrer Protagonisten und legt größten Wert auf die Innenausstattung. Es handelt sich um ein Kammerspiel, ähnlich wie die „Gefährlichen Liebschaften“.

Und gelegentlich verwelkt die Schönheit auch.

Schönheit ist eine komplizierte Angelegenheit, aber auch ein Geschenk.

Sie haben die Erzählerstimme selbst übernommen. War das als ironisierender Kommentar zur Ausstattung gedacht?

Es handelt sich um eine derart verquere Gesellschaft, dass der Film ohne Erzählerstimme wie ein Raumschiff wirken würde, das auf der Erde landet: Was sind das für Leute? Um das zu erklären, haben wir die Erzählerstimme hinzugefügt.

Zu Ihrer Rolle als Regisseur: Sehen Sie sich als Puppenspieler, der die Fäden in der Hand hält?

Nein, eher als Patriarch. Ich fühle mich wie Dornröschen im Märchen, die vom Film zum Leben erweckt wird. Jeder Film hat seine eigenen Regeln. Die Aufgabe liegt darin, diese Regeln zu entdecken.

Interview: Katrin Hillgruber

Stephen Frears, 1941 geb., gelang 1985 mit „Mein wunderbarer Waschsalon“ der Durchbruch. Weitere Filme: „Gefährliche Liebschaften“, „High Fidelity“, zuletzt „The Queen“.

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