Steve McQueens Filmdrama "Hunger" : Die letzte Waffe

Im Filmdrama "Hunger" rekonstruiert der Videokünstler Steve McQueen die Gefängnisrevolte der IRA von 1981.

Lars Weber

„Die Freiheit bedeutet mir alles“, versichert das IRA-Mitglied Bobby Sands dem Gefängnispriester, bevor er seinen Hungerstreik beginnt. „Mir das Leben zu nehmen, ist nicht nur das Einzige, was ich tun kann, sondern auch das Richtige.“ Diese Entscheidung gegen das Leben und für einen schleichenden Sterbeprozess zeichnet der Videokünstler Steve McQueen in seinem in Cannes schon 2008 gefeierten Spielfilmdebüt „Hunger“ nach. Nun läuft der Film, unmittelbar vor dem DVD-Start am 20. August, auch im Kino.

Die Lage in den Isolationszellen im nordirischen Gefängnis Maze ist 1981 extrem angespannt. Häftlinge und Wächter bekriegen einander. Die Aktivisten befinden sich im so genannten Decken- und Waschprotest; sie verweigern jede Hygiene und lehnen es ab, Gefängniskleidung zu tragen, bis sie als politische Gefangene anerkannt werden. Das wiederum verveigert ihnen jedoch die britische Regierung.

Die Wächter reagieren auf das Verhalten der Häftlinge mit Brutalität. In „Hunger“ sieht man, wie sie auf die Insassen einprügeln, ihnen die Haare schneiden und sie gegen ihren Willen waschen. Da der Wasch- und Deckenprotest keinen Erfolg hat, entschließen sich die IRA-Mitglieder zu drastischeren Maßnahmen. Sie treten in einen tödlichen Hungerstreik, bei dem zehn Häftlinge sterben, bevor er nach neun Monaten abgebrochen wird.

„Hunger“ ist nicht der erste drastische IRA-Film. „Im Namen des Vaters“ von Jim Sheridan thematisierte 1993 ebenfalls die brutalen Haftbedingungen in den nordirischen Gefängnissen, aber mit dem Unterschied, dass die Häftlinge keine IRA-Aktivisten waren. Sie wurden lediglich dafür gehalten. Wie „Hunger“ zeigt „Im Namen des Vaters“, dass für vermeintliche Terroristen Menschenrechte nur sehr bedingt galten. Großbritannien hatte bereits Anfang der siebziger Jahre Antiterrorgesetze erlassen, die es ermöglichten, Beschuldigte eine Woche ohne Anklage festzuhalten. Gerry Conlon, gespielt von Daniel Day-Lewis, wurde unter physischer und psychischer Folter zu einem Geständnis gedrängt, für das er zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Obwohl sich eine IRA-Gruppierung zu den Anschlägen bekannte, saß Conlon 14 Jahre in Haft – einer der größten Justizirrtümer Großbritanniens.

Liegen die Sympathien bei „Im Namen des Vaters“ ganz auf der Seite der Inhaftierten, gestaltet sich die Lage bei „Hunger“ schwieriger. Der Film beschränkt sich nicht auf die Perspektive der Insassen, sondern zeigt auch die extreme Belastung der Gefängniswärter. Deren Überfordertsein sucht sich ein Ventil in Gewalt, so etwa bei einem Angehörigen einer Spezialeinheit, der zunächst mit dem Gummiknüppel auf einen nackten Häftling einprügelt, bevor er unter Tränen zusammenbricht. Der Bürgerkrieg ist für alle Seiten traumatisch. Und auch außerhalb des Gefängnisses kommt es zu Gewalttaten. Ein Wärter wird ermordet, als er seiner Mutter Blumen ins Altersheim bringt.

Der Film nimmt sich Zeit, schmerzhaft viel Zeit – und macht die beklemmende Stimmung im Gefängnis unmittelbar spürbar. Schier endlos wirkt die Szene, in der ein Wärter Urin vom Gang aufwischt, den die Insassen durch den Türschlitz verschüttet haben. Und das langsame Sterben des Aktivisten Bobby Sands führt fast zum physischen Schmerz beim Betrachter, der hilflos Zeuge eines stetigen körperlichen Verfalls wird. Der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender liefert sich als Bobby Sands in der Schlüsselszene einen Schlagabtausch mit dem Gefängnispriester (Liam Cunningham), der ihm klarzumachen versucht, dass es unmoralisch sei, sich das Leben zu nehmen. Der charismatische Sands entgegnet, dass er ohne Wenn und Aber für seine Ziele kämpfen will. Er tritt so überzeugend auf, als gehe es keinesfalls um seinen Tod. Selbst bei zunehmender Gebrechlichkeit, als er bereits von Hunger- und Fieberträumen geplagt wird, bleibt sein Wille ungebrochen. Fassbender verkörpert diese Entschlossenheit bis zum Ende, wenn er mit schmerzverzerrtem Gesicht und von Erschöpfung gezeichnet in die Kamera blickt. Um die Rolle glaubhaft darstellen zu können, nahm er unter ärztlicher Betreuung massiv ab.

„Hunger“ wurde 2008 in Cannes mit der Caméra d’Or für das beste Debüt sowie dem Europäischen Filmpreis für die Entdeckung des Jahres ausgezeichnet. Für Steve McQueen hat der Film auch einen ganz aktuellen Bezug. Die IRA-Häftlinge benutzten ihren Körper als Waffe. Heute ist das in Krisengebieten wie Irak oder Afghanistan bei den Selbstmordattentätern trauriger Alltag.

In Berlin im fsk am Oranienplatz (OmU), DVD: www.ascot-elite.de

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