Stummfilm-Diva : Die Frau am Abgrund

Asta Nielsen war ein Star der Stummfilmära: eine Fimreihe im Berliner Kino Arsenal würdigt diese Ära.

Silvia Hallensleben

Der Ruhm kam stark, unverhofft und schnell: Als im November 1911 ein 773-Plätze-Kino in der Düsseldorfer Innenstadt nach der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen benannt wurde, war die Dreißigjährige gerade einmal seit einem Jahr auf der Filmleinwand präsent. Den internationalen Ruf hatte sie sich mit ihrem ersten Film erworben. Dabei war „Abgründe“ von 1910 eigentlich nur als Trotzreaktion auf die Usancen am Kopenhagener Theater entstanden, wo die Jungdarstellerin mit Nebenrollen abgespeist wurde. War es da nicht besser, selbst etwas auf die Beine stellen? Der gerade dem Jahrmarktmilieu entwachsene Film galt den Theaterleuten zwar nicht gerade als seriöse Kunst. Doch das Drehbuch, das ihr der Bühnenbildnerkollege und späterer Ehegatte Urban Gad auf den Leib schrieb, hatte alles, wonach ihr Schauspielerherz verlangte: Melodramatische Verwicklungen, soziale Bodenständigkeit und eine Heldin, die vom Liebesschmachten bis zur blutigen Verzweiflung alle Gefühlsnuancen durchlebt.

„Afgrunden“ wurde binnen acht Tagen im Hof eines ehemaligen Gefängnisses abgedreht. Kameramann Alfred Lind, der einzige Filmprofi im Team, hielt Astas Gesichtszüge für das Kino für ungeeignet. Doch die konnte man im fertigen Film wegen Belichtungsfehlern sowieso kaum sehen. Richtig schlimm war das nicht. Denn was die im Kontrast zur zeitüblichen Matronenweiblichkeit fast magersüchtige Actrice mit dem Rest ihres Körpers anstellte, reichte völlig aus, um das Publikum und Teile der Kritik aus dem Häuschen zu bringen – und die Zensur auf den Plan. Besonders der „Gaucho-Tanz“, eine von erotischer Energie vibrierender Pas de deux mit Rüschenkleid und Lasso, zeigte Asta als traumwandlerische Grenzgängerin zwischen artistischer Präzision und überschäumender Ausdruckslust. Ihre Arbeitsweise, die sie selbst einmal als „eine Art Autosuggestion“ beschrieb, verband akribische Vorbereitung mit Trance. Im Unterschied zu vielen anderen filmenden Theaterschauspielern hatte „die Asta“, wie sie bald genannt wurde, ein sicheres Gespür für den mimischen Minimalismus, der das Agieren für die Kamera von der Bühnengestik unterscheidet. So wirkt ihr Spiel heute noch erstaunlich modern.

Als miniaturesker Videoclip lässt sich der Gaucho-Tanz auf der Webseite der Kinothek Asta Nielsen (www.kinothek-asta-nielsen.de) bestaunen. Jetzt kommt das Filmereignis auch ins Berliner Arsenal und damit in die Stadt, in die Asta und Gad bald nach dem Erfolg von „Afgrunden“ übersiedelten, um am Aufbruch der jungen deutschen Filmindustrie teilzuhaben. Hier rissen sich die Produzenten um die dunkelhaarige Dänin. In Neu-Babelsberg wurde sogar ein neues Atelier für sie errichtet. Über siebzig weitere Filme hat Asta Nielsen in den Jahren bis 1932 realisiert. Die Drehbücher der frühen Stummfilmproduktion waren nicht viel mehr als stichwortartige Gedächtnisstützen, die die Szenen nur knapp andeuteten und den Schauspielern entsprechend Interpretationsraum boten. Ein berühmt gewordenes Beispiel ist eine von Nielsen in ihren Memoiren „Die schweigende Muse“ erwähnte Szenenanweisung, die nur zwei Sätze enthielt: „Das Kind stirbt. Astas Hauptszene“.

Die Arbeitertochter, auch in ihrem Privatleben eine ungewöhnlich selbständige Persönlichkeit, nutzte ihre Freiheiten, um neben sozialen Anliegen immer wieder auch die Grenzen filmüblicher Weiblichkeitsbilder zu überschreiten. Skurrilstes Ergebnis ist vielleicht „Engelein“, wo sie mit 35 Jahren ein zwölfjähriges Mädchen spielt, das versucht, als Sechzehnjährige durchzugehen. Immer wieder auch ist ihre androgyne Figur in Hosenrollen zu sehen, was ihr einen Ruf auch unter lesbischen Cineastinnen verschaffte.

Als die deutsche Filmproduktion sich in den zwanziger Jahren zunehmend zwischen künstlerischem Anspruch und kommerziellem Kalkül aufrieb, wandte sich Asta Nielsen wieder dem Theater zu. 1933 bot Goebbels ihr eine eigene, staatlich finanzierte Filmgesellschaft an. Sie lehnt ohne Zögern ab und kehrte bald darauf für immer nach Dänemark zurück, wo sie sich ihrer Tochter und kunsthandwerklichen Arbeiten widmete. 1972 ist Asta Nielsen in Kopenhagen gestorben. Beerdigt wurde sie auf eigenen Wunsch anonym und ohne Pfarrer. Die „Asta-Nielsen-Lichtspiele“ in Düsseldorf wurden 1986 geschlossen und abgerissen. 38 ihrer Filme aber haben überlebt.

Sprache der Liebe. Asta Nielsen, ihre Filme, ihr Kino 1910-1933. Eröffnung am Donnerstag, 19 Uhr im Arsenal mit den beiden Filmen „Die Filmprimadonna“ und „Afgrunden“. Am Flügel: Maud Nelissen.

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