''Summertime Blues'' : Fensterglück

Von Bremen nach Kent: Der Film „Summertime Blues“ von Marie Reich betrachtet das Chaos Pubertät mit Humor.

Lea Hampel

Ob die Film- und Fernsehmacher zu viel Rio Reiser gehört haben – oder auch „Echt“? „Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster, mit müden Augen, ganz staubig und scheu, ich bin hier oben, auf meiner Wolke“ heißt es in „Junimond“. Eins ist jedenfalls klar: Das Fenster ist die Standardrequisite, vor der junge Menschen Existenzfragen stellen – so sehr, dass es scheint, ohne Milchstraße, Mond und Melancholie könnten unterhalb der 20 keine tiefgründigen Gedanken entstehen. Was in „Crazy“ das Fenster der Internatsvilla war, ist in „Dawson’s Creek“ der Zweitzugang zum Zimmer mit Leiter. Und selbst Harry Potter wirft verträumte Blicke aus dem Hogwarts’schen Turmfenster, wenn er über die Weltrettung nachdenkt.

Alex (François Goeske, bekannt aus „Französisch für Anfänger“) macht da keine Ausnahme. In „Summertime Blues“ erörtert er am Fensterbrett quälende Fragen wie „Wie sage ich ihr nur, was ich für sie empfinde?“. Dass er dabei nicht auf den Nachthimmel seiner Heimatstadt Bremen, sondern über das Hinterland eines Dorfs in Kent blickt, hat einen einfachen Grund. Seine Eltern tun das, was seiner Auffassung nach das Schlimmste ist, was einem Jugendlichen passieren kann: Sie pubertieren. War das nicht eigentlich sein Job?

Beide sind frisch verliebt und wollen sich scheiden lassen. Alex verbringt den Sommer mit der Mutter (Karoline Eichhorn) bei ihrem Liebhaber (Alexander Beyer) in deren englischem Liebesnest. Dort nun begegnet er den Girlies, die ihn regelmäßig ans Fensterbrett treiben: der wilden Louie (Zoe Morre) und der fast zu hübschen Faye (Sarah Beck). Das aufkeimende Liebesleben raubt ihm den Schlaf – und sein Vater, der nicht mit der schwangeren Freundin klarkommt, schafft weitere Probleme.

Schön an „Summertime Blues“ ist, dass Regisseurin Marie Reich, Jahrgang 1979, das Chaos Pubertät mit Humor betrachtet und dabei die Sorgen ihres 15-jährigen Helden ernst nimmt. Sein Pathos mag anstrengend sein, gelegentlich gar ins Lächerliche kippen – bis einem einfällt, wie oft man selber so auf dem Fensterbrett saß. Lea Hampel

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