Sydney Pollack : Der Sohn des Boxers

Er konnte alles: Romanzen, Western, Thriller: zum Tod des Schauspielers, Regisseurs und Produzenten Sydney Pollack.

Daniela Sannwald
Pollack
Lieblingsregisseur der Stars. Sydney Pollack -Foto: dpa

Das Profil, der Lockenkopf, die große Brille: So kennt man Sydney Pollack aus mehr als 30 Filmen, zuletzt als Vater eines heiratswilligen Sohnes in der Komödie „Verliebt in die Braut“. Nun wird sie zur postumen Hommage an den Schauspieler, Regisseur und Produzenten. Noch bei der diesjährigen OscarVerleihung war Sydney Pollack für seine Produktion „Michael Clayton“ nominiert, hier spielte er eine ebenso großartige Nebenrolle wie einst als Herr der Finsternis in Kubricks „Eyes Wide Shut“. Rekordverdächtig: In seiner fast 50-jährigen Karriere war Pollack an gut hundert Filmen beteiligt, 46 Oscar-Nominierungen gehen auf sein Konto, sieben Goldtrophäen gingen allein an sein Melodram „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep und Robert Redford.

Bekannt wurde Pollack 1969 als Protagonist des gesellschaftskritischen New Hollywood. Mit Jane Fonda in der Hauptrolle inszenierte er „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“, eine Story über die frühen dreißiger Jahre, als junge Leute tagelang Wettkämpfe im Dauertanzen absolvierten, um ein paar überlebensnotwendige Dollar zu verdienen. Pollack zeigt die Erschöpfung der Tänzer, den Voyeurismus der Zuschauer, den Zynismus der Moderatoren und Einpeitscher: Selbst in der für alle gleichermaßen aussichtslosen Lage stellt sich keine Solidarität ein.

Auch andere frühe Pollack-Filme spielen in der Vergangenheit: der Western „Jeremiah Johnson“ Mitte des 19. Jahrhunderts, die wunderbare Liebesgeschichte „So wie wir waren“ (1973) mit Barbra Streisand und Robert Redford in den Dreißigern und Vierzigern, „The Yakuza“ (1975), einer der besten Filme mit Robert Mitchum, im Japan der vierziger und fünfziger Jahre. Und immer wirken Pollacks historische Entwürfe ein bisschen nostalgisch, durchsetzt von einer Sehnsucht nach etwas, das es wahrscheinlich nie gab – und einer leichten Enttäuschung darüber.

Pollack, der Melancholiker. Vielleicht hängt das mit seiner Biografie zusammen. Die Eltern waren russisch-jüdische Einwanderer, der Vater ein ehemaliger Boxer. Der Sohn wurde am 1. Juli 1934 in Lafayette, Indiana, geboren, ging 1952 nach New York, um bei dem Stanislawski-Adepten Sanford Meisner an der Neighbourhood Playhouse Theatre School zu studieren, unterrichtete nach zwei Jahren bei der Army selbst und begann 1960 als Seriendarsteller und Regisseur für das Fernsehen zu arbeiten.

Bis 1965 inszenierte er Shows, Western-, Krimi- und Krankenhausserien. Seine erste Spielfilmrolle: ein Soldat im Koreakrieg in „Hinter feindlichen Linien“ (1962), auch Robert Redford debütierte. Seitdem verband die beiden mehr als eine Freundschaft. Sieben Mal spielte Redford unter Pollacks Regie, darunter einige seiner bekanntesten Rollen wie die des gejagten CIA-Agenten in „Die drei Tage des Condor“ und des romantischen Abenteurers in „Jenseits von Afrika“ . In „Havanna“ (1990), ihrer letzten Zusammenarbeit, ist Redford als Spieler im Kuba der späten fünfziger Jahre zwischen seiner Sucht und einer Revolutionärin hin- und hergerissen. Pollack, Lieblingsregisseur der Stars , hat einmal gesagt, Stars seien wie Vollblüter. „Es ist ein bisschen gefährlicher mit ihnen.“

Als Regisseur hat er zeitlebens profundes, unverwüstliches Genrekino inszeniert, sei es Western, Krimi oder Romanze, sei es die Mediensatire „Tootsie“ (1982) mit Dustin Hoffman und Jessica Lange, die Grisham-Verfilmung „Die Firma“ mit Tom Cruise und Gene Hackman (1995) oder der Politthriller „Die Dolmetscherin“ (2005) mit Nicole Kidman im UN-Hauptquartier. Ein Tausendsassa, ein Meisterhandwerker.

Mit seinem letzten Regiewerk hat Pollack 2005 dann doch noch Neuland betreten: „Sketches of Frank Gehry“, ein Porträt des Stararchitekten, wurde sein erster und einziger Dokumentarfilm. Am Montag ist Sydney Pollack in Los Angeles an Krebs gestorben. Seinen verschmitzten Blick wird die Filmwelt vermissen.

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