''The Boss Of It All'' : Post vom Chef

Eine Komödie, die stets mit einer guten Portion Bitterstoffen versetzt ist: "The Boss Of It Al" von Lars von Trier.

Martin Schwickert

Während die Kamera entlang der Fassade eines Bürogebäudes nach oben steigt, liefert der Regisseur die Gebrauchsanweisung für sein Werk: Es sei nur eine Komödie. Keine Predigten, keine Meinungsmache, einfach nur eine nette Zeit, verspricht der Filmemacher, dessen Gesicht sich in den Fensterscheiben spiegelt. Es ist Lars von Trier, der hier scheinbar all seinen filmemacherischen Gewohnheiten abschwört.

Triers Filme waren viel – ergreifend, verstörend, religiös, revolutionär, minimalistisch, sperrig, spröde – aber lustig waren sie eigentlich nie. Deshalb ist Vorsicht geboten mit dem Gelübde des dänischen Regisseurs, der als Erster mit „Dancer in the Dark“ die Regeln des Dogma-Vertrages unterwanderte.

Durch das Fenster schlüpft die Kamera ins Gebäude und wird es bis zum Schluss des Films nicht verlassen. Hier betreibt Ravn (Peter Gantzler) eine IT-Firma. Aber das wissen seine Angestellten nicht. Für sie ist Ravn einer von ihnen. Die Anweisungen kommen vom Boss. Der sitzt in Amerika und kommuniziert mit seinen Angestellten nur per E-Mail. Keiner ahnt, dass die elektronische Post aus dem Büro nebenan kommt, in dem Ravn den virtuellen Chef für alle unangenehmen Führungsaufgaben gerade stehen lässt.

Nun wollen Isländer den Laden übernehmen. Bevor die Verträge unterschrieben werden, will der Investor (Gastauftritt des isländischen Filmemachers Fridrik Thor Fridriksson) den Boss sehen. Deshalb engagiert Ravn den Schauspieler Christopher (Jens Albinus). Der Mime übernimmt die Rolle gewissenhaft, ohne zu ahnen, dass er nicht nur vor dem finnischen Geschäftsmann, sondern auch vor den Angestellten den Chef spielen muss. Denn die etwas debile Belegschaft ist auf den Boss gar nicht gut zu sprechen.

Trier zeichnet das Büroleben als neurotischen Mikrokosmos, aber natürlich hat der dänische Kinoquerdenker in seine Office-Comedy einige Brechungen eingebaut. Mit einem zufallsgesteuerten Computerverfahren – behauptet zumindest der als Kontroll-Freak verschriene Regisseur – habe er die Kameraausschnitte, Blickwinkel und Tiefenschärfen bestimmen lassen. Das Ergebnis mit den alle paar Sekunden wechselnden Schnitten ist gewöhnungsbedürftig. Und natürlich schwingt ein gutes Quantum an Kapitalismus- und Globalisierungskritik mit.

Aber ist „The Boss of It All“ so komisch, wie „Dancer in the Dark“ tragisch und „Dogville“ analytisch war? Keineswegs. Die Radikalität, mit der Trier sonst sein Ziel verfolgt, fehlt seinem Ausflug in die Komödie. Der Humor ist stets mit einer guten Portion Bitterstoffen versetzt. Nur das versprochene harmlose Vergnügen – das war ein Witz.

Babylon, Central, Lichtblick

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben