"The Happening" : Der Wind, der Wind, das teuflische Kind

Massenselbstmord und Massenflucht: M. Night Shyamalan versucht sich mit "The Happening“ im Katastrophenfilm.

Jan Schulz-Ojala
Wahlberg
Mark Wahlberg in "The Happening" -Foto: dpa

Die filmhistorische Leistung des noch jungen indischstämmigen Amerikaners M. Night Shyamalan besteht darin, dass er dem Blockbuster-Horrorthriller die visuelle Hektik und überhaupt das genrenotorische Getöse ausgetrieben hat. In seinen wichtigsten Werken, „The Sixth Sense“ (1999) und „The Village“ (2004), setzt der heute 37-jährige Regisseur nicht etwa auf Spezialeffekte und schnelle Schnitte, sondern auf prächtige Tableaus und lange Einstellungen und, vor allem, ferner Hitchcock-Nachfahre, auf Psychologie. Als beharrlicher Seelenausleuchter in präzis entworfenen Milieus hat sich Shyamalan profiliert – und sich nicht zuletzt mit seinen kunstvoll falsch gelegten Fährten und hochintelligenten Plot-Twists weltweit ein immer wieder neugieriges Millionenpublikum erobert.

In „The Happening“ betritt er nun – nach seinem bislang einzigen großen Flop, dem moralinsüßen „Mädchen aus dem Wasser“ (2006) – beherzt die Welt des Paranoia-Katastrophenfilms und versucht auch hier, mit seinen ureigenen Markenzeichen zu punkten. Melancholie also statt Massenhysterie, Psycho-Thrill statt der über die Leinwand polternden Pixelpakete, Minimalismus statt monstermäßig daherkommender Publikumserdrückung. Was für ein Abenteuer! Ein bisschen so, als wollte man alle Shakespeare’schen Königsdramen simultan in einer Streichholzschachtel aufführen.

Ein Morgen im New Yorker Central Park. Als Wind aufkommt, verstummen Gespräche, bleiben Menschen in Mengen wie angewurzelt stehen, suchen alsdann wie hypnotisiert eine Möglichkeit, sich eiligst zu entleiben, so wie die Bauarbeiter, die sich kurzerhand von ihren Gerüsten stürzen. Ein paar Stunden später feiert das unerklärliche Massenselbstmord-Phänomen schmerzliche Urständ im Rittenhouse Park in Philadelphia, und bis zum Abend hat es alle nördlichen Staaten der amerikanische Ostküste erfasst. Ein Terroranschlag vielleicht mit Nervengift, das die lebenserhaltenden Neurotransmitter blockiert? Ein Regierungskomplott, ein Aufstand der Natur oder womöglich finsterste Machenschaften des CIA? Der Wind, offenbar der Wind nur, das teuflische Kind, hat etwa 25 Stunden sein mörderisches Späßchen, dann ist der Spuk – einstweilen – vorbei.

Erstes Problem: Anders als in seinen erfolgreichen Seelendunkelkammerspielen muss Shyamalan diesmal anonyme Menschenmengen arrangieren. Dass die vom Todesdonner Gerührten bloß rumstehen: in Ordnung. Doch auch die ausgewiesen noch nicht Erwischten bleiben – nur keine genretypische Hektik! – weitgehend frei von Panikausbrüchen und agieren wie sediert. Folglich gestaltet sich, den einen oder anderen schreckgeweiteten Blick abgezogen, die landwärtige Flucht auch größerer Gruppen wie ein gesitteter Großfamilienspaziergang.

Zweites Problem: Shyamalan weiß offensichtlich nicht, ob er sein durchaus identifikationsstiftend ersonnenes Protagonisten-Ehepaar, das auch die Rettung der Tochter eines Freundes auf sich nimmt, ernst nehmen soll. Fast einziges und immer wieder in sonstiger Wortkargheit raumgreifendes Gesprächsthema zwischen dem Lehrer Elliot (dauerratlos: Mark Wahlberg) und seiner Frau Alma (dauergroßäugig: Zooey Deschanel) ist Almas Schuldgefühl, eines Abends heimlich mit einem – übrigens wirklich irrelevanten – Arbeitskollegen essen gegangen zu sein. Worauf ihr der gutmütige Elliot ebenso amüsiert wie ausführlich Absolution erteilt. Bohrende Frage: Waren die den Plot grundierenden Ehekrisen von „The Sixth Sense“ bis „Unbreakable“ vielleicht auch bloß satirisch gemeint?

Drittes Problem: Auch wer trotz des in diesem Genre geradezu mönchischen Verzichts auf Action noch manche Besichtigungswege mitgehen mag, dürfte sich spätestens von der erschütternd schlichten Moral des Films abgestoßen fühlen. Denn Regisseur und Drehbuchautor Shyamalan lässt eher fade als kreativ im Unklaren, was denn nun die Massenselbstmorde auslöst. Immerhin der Arbeitstitel „The Green Effect“ und einige eingeblendete Mutmaßungen von Talkshow-Wissenschaftlern deuten auf eine ökologische Botschaft. O Mensch, kehr um!, ruft der verhinderte Prediger Shyamalan verhalten seinem Publikum zu, du lassest es an Ehrfurcht für die Natur vermissen! Viele Öko-Thriller, angefangen mit Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“, gehen dabei kaum trivialer, dafür wesentlich packender zu Werke – und wer, wie zuletzt Fernando Meirelles im Cannes-Eröffnungsfilm „Die Stadt der Blinden“, die Thriller-Ursache ausließ, interessierte sich doch so unterhaltsam wie möglich für die Folgen: die Vertierung des homo sapiens etwa, wenn der sich irgendwie doch zum Herrscher über andere Erblindete machen kann.

„The Happening“, das mit Spannung erwartete neue Werk eines Hochbegabten aus Hollywood, verfehlt dagegen ziemlich jedes Ziel. Ein paar milde Augenblicksgrusel abgezogen, dementiert der Film seinen Titel mit verblüffender Ereignisarmut – und selbst der Schluss (hier stehen sich gleich zwei Schlüsse im Weg, ein individueller und ein kollektiver), sonst eine Spezialität Shyamalans, ist niederschmetternd fantasielos. Und wo bleibt das Positive? Nach 90 Minuten ist alles vorbei.

Ab Donnerstag in 20 Berliner Kinos; Originalversion im Cinestar Sony-Center

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