The one man village : Ganz langsam nur wird es hell

"The one man village" über das Leben im Libanon-Gebirge: Produziert wurde der vielfach preisgekrönte Film, der im Februar beim Berlinale-Forum seine Uraufführung hatte, von der auf Filme aus Israel und Nahost spezialisierten Berliner mec-Film.

Silvia Hallensleben

Palästina, Ruanda, Kurdistan, Kaschmir: Manchmal kann es einem vorkommen, als würden gerade die schönsten Landschaften Kriege magnetisch anziehen. Auch das Libanon-Gebirge hinter Beirut täuscht mit Hühnergekrähe, Olivenhainen und an die Berghänge geklebten steinernen Dörfern Harmlosigkeit vor. Doch in Ain el-Halazoun sind die Häuser verlassen, ihre Bewohner nach dem langen Bürgerkrieg 1975 bis 1990 in die Zuwandererviertel von Beirut und Umgebung geflohen. Nur Semaan El Habre lebt hier wieder, der Onkel des Filmemachers, der vor ein paar Jahren aus der hektischen Großstadt zurückkehrte und jetzt mit Hund, Katze, Kühen und Pferden das Haus der Familie bewohnt: bewacht von den Geistern der Eltern, die im Krieg umkamen und im Garten begraben sind. Zur Erntezeit kommen die Ehemaligen, um Oliven und Obst zu pflücken. Nur junge Leute sind nicht dabei.

Semaan ist ein stoischer Mann mittleren Alters mit zum Zopf gebundenen Haaren, Schnauzbart und traurig-verschmitztem Blick, der jede seiner Kühe mit Namen kennt und ein Buch über ihre Familienverhältnisse führt. Der 1975 geborene Regisseur Simon El Habre nähert sich seinem Onkel mit zärtlicher Neugier und begleitet ihn ein ganzes Jahr lang in seinem ruhigen und arbeitsamen Alltag.

Auch der Film nimmt sich Zeit, lässt die Dinge sich langsam entfalten. Fast eine halbe Stunde dauert es, bis es zum ersten Mal richtig hell wird und Semaan die Kühe gemolken und Kaffee gekocht hat. Dann öffnet sich der Blick aus dem dunklen Haus nach und nach erst auf den Rest des Dorfes und dann in ein Land, das trotz offizieller Aussöhnungserklärung 1994 bis heute von den Narben des Nachbarschaftskrieges und seiner Massaker wie gelähmt ist. Mehr als die steinernen Ruinen ist es dabei die kollektive Amnesie, die wirkliche Versöhnung verhindert.

Produziert wurde der vielfach preisgekrönte Film, der im Februar beim Berlinale-Forum seine Uraufführung hatte, von der auf Filme aus Israel und Nahost spezialisierten Berliner mec-Film. Dabei wurde bewusst darauf verzichtet, durch Kommentare oder Texttafeln die komplizierten Hintergründe des Krieges zu erklären. Die richtige Entscheidung: Denn um historische Wahrheitsfindung und die übliche Schuldfrage des Wer-hat-angefangen geht es in „The one man village“ nicht. Eher schon darum, wie ein Einzelner versucht, sich mutig der Vergangenheit und ihren Gespenstern zu stellen. Im Morgengrauen liefert Semaan El Habre die Milch seiner Kühe aus an die ehemaligen Feinde, gegenüber am Berg. Silvia Hallensleben

In Berlin im Eiszeit.

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