Theaterthriller : Der Sokrates-Code

In Wajdi Mouawads Stück „Ciels“ beim diesjährigen Festival in Avignon kämpfen vier Männer und eine Frau um die richtige politische Interpretation von Zahlenfolgen - leider mit allzu ungezügeltem Pathos, zu viel Erlösung und abstraktem Trost.

Eberhard Spreng

Eine Gruppe von Experten grübelt über Geheimbotschaften, die in verschiedenen Sprachen an verschiedenen Orten rings um den Erdball abgesetzt werden und auf einen bevorstehenden Terroranschlag hinzuweisen scheinen. In seinem Stück „Ciels“, mit dem Wajdi Mouawad, artiste associé des diesjährigen Festivals in Avignon, seine Tetralogie „Le Sang des Promesses“ (Das Blut der Versprechen) zum Abschluss bringt, kämpfen vier Männer und eine Frau um die Dechiffrierung und um die richtige politische Interpretation von Zahlenfolgen. Sie sind die französische Zelle des Sokrates-Netzwerks und tauschen in Videokonferenzen mit Mitarbeitern überall auf der Welt ihre Erkenntnisse aus. Die Zuschauer verfolgen das auf Videoleinwänden.

Für die Lösung des Welträtsels steht den Experten, man vermutet Geheimdienstmitarbeiter, eigentlich nur noch der Computer eines Mitarbeiters zur Verfügung, der vor kurzem Selbstmord begangen hat und dessen Daten durch komplizierte Passwortfolgen geschützt werden. Wer Valeries Computer knackt, könnte die Anschlagserie vereiteln, die Städte in acht der reichsten Industrienationen zu bedrohen scheint, und dechiffriert damit zugleich das labyrinthische Denken eines verstorbenen Schöpfers, dessen Digitalspur indessen ins Reich der Poesie und der Malerei führt und nicht in irgendwelche staubigen Al- Qaida-Ausbildungslager.

Die Suche nach dem Weltskript führt geradewegs in die Paranoia, die Einsamkeit, das Ende der Kommunikation und der Gemeinsamkeit. Der Titel, die kuriose Pluralform des Singularwortes, deutet es an: „Ciels“ – den Himmel gibt es nur noch im Plural, seitdem jeder sich seinen eigenen Himmel bastelt. Den Horror der durch keine Instanz mehr angeleiteten Deutungsbeliebigkeit lässt der Poet und Regisseur Wajdi Mouawad ahnen. Und wie immer in Mouawads Theaterstücken ist das Politische immer ganz nah neben dem Poetischen angesiedelt.

Aber anders als in den vorangegangenen drei Stücken liegt nun eine melancholische Stimmung über der Aufführung. In einer elfstündigen Theaternacht waren die Helden der ersten drei Geschichten unter dem provenzalischen Sternenhimmel auf der Suche nach ihrer eigenen familiären Vorgeschichte gewesen und hatten neben bitteren Erkenntnissen auch neue Freunde, Mitstreiter, Leidensgenossen gefunden. Jetzt verlieren sie sich auf der Suche nach einem Skript in ihrem eigenen Gehirn.

Der Bildaufbau eines Tintoretto-Gemäldes wird zum Hinweis für die Position von Bomben in acht berühmten Museen. Am Ende findet die Anschlagserie tatsächlich statt, und ihr fallen berühmte Gemälde zusammen mit ihren Betrachtern zum Opfer. Im Tod der Bilder aber entsteht sofort wieder die alte Ikone: die Mutter Gottes als Bild der Bilder. Da ist allzu ungezügeltes Pathos, zu viel Erlösung, abstrakter Trost. Seit zwanzig Jahren treibt Wajdi Mouawad die Dämonen seiner Kindheit, den Verlust seines Vaterlandes und den frühen Verlust der Mutter mit den Theatergeistern aus, und er hat dabei immer Sophokles als seinen Meister bezeichnet. Jetzt will der Libanese im kanadischen Ottawa alle sieben Stücke des Sophokles aufführen und danach dem Theater Adieu sagen. Es habe ihn von der Vergangenheit befreien sollen, sagte er in Avignon, aber ihn nur noch tiefer in sie verstrickt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben