Thriller "Chloe" : Verführe meinen Mann!

Delikater Auftrag mit Folgen: Eine Ehefrau heuert ein Edelcallgirl an, um ihren Mann auf die Probe zu stellen. In Atom Egoyans elegantem Thriller „Chloe“ geht es ums Begehren - und das verflixte Älterwerden.

Julian Hanich
Halb schob sie ihn, halb sank er hin. Chloe (Amanda Seyfried) und Catherines Gatte David (Liam Neeson). Foto: Kinowelt
Halb schob sie ihn, halb sank er hin. Chloe (Amanda Seyfried) und Catherines Gatte David (Liam Neeson). Foto: KinoweltFoto: ddp

In der ersten Szene, in der die erfolgreiche Gynäkologin Catherine Stewart gezeigt wird, blickt sie einer frigiden Patientin zwischen die gespreizten Beine. Nüchtern erklärt die von Julianne Moore gespielte Ärztin, der weibliche Orgasmus sei bloß eine Muskelkontraktion – und gibt der Frau einen Ratgeber mit. Merkwürdig, diese Schnellabfertigung. Ist erotische Lust auf physiologische Reaktionen reduzierbar? Kann man sexuelle Befriedigung in Handbüchern nachschlagen? Und: Hat Catherine selbst Nachholbedarf in Sachen Fantasie und Begehren?

In seiner ersten Szene hält der wortgewandte Professor David Stewart (Liam Neeson) einen Vortrag über „Don Giovanni“. Die Studenten, vor allem die weiblichen, hängen an seinen Lippen. Ist der gut aussehende Musikwissenschaftler womöglich selbst ein Verführer, der wie Mozarts Erotomane daran zugrunde gehen und in der Hölle schmoren wird? Als das Edelcallgirl Chloe (Amanda Seyfried) die Szenerie betritt, ist sie ein erotisches Rätsel. Und ein großer Reiz dieses Films ist, dass dies die ganze Zeit so bleibt. Wer ist diese Frau? Woher kommt sie? Was will sie?

Als Catherine eines Tages auf Davids Handy die verfängliche SMS einer Studentin entdeckt, heuert sie Chloe an, um ihren Mann zu verführen. Doch was als moralische Prüfung gedacht ist, gerät schnell außer Kontrolle. Während Chloe ihre sexuellen Eskapaden mit David schildert, regt sich bei Catherine selbst die Lust, die Lust am heimlichen Wissen, die Lust an der sexuellen Imagination – und vielleicht auch die Lust auf Chloe. Catherine, ihr Mann David und die mysteriöse Chloe: Der kanadische Regisseur Atom Egoyan schnürt diese drei Figuren in seiner raffinierten Geschichte so eng zusammen, dass dem Zuschauer immer wieder die Spucke wegbleibt. In der gepflegten Gedämpftheit des Geschehens, durch das nur wenige atmosphärische Geräusche dringen, knistert vor allem die erotische Spannung. Die langsamen Kamerabewegungen, mit denen Egoyan gleitend die Körper erfasst, wirken wie verführerische Streicheleinheiten für die Fantasie des Betrachters.

Doch wer etwa Atom Egoyans „Exotica“ kennt, weiß, dass „Chloe“ mehr als ein eleganter Softcore-Film ist. Und dass Egoyan keine simplen Remakes dreht – selbst wenn diesmal Anne Fontaines „Nathalie“ (2003) mit Fanny Ardant, Emmanuelle Béart und Gérard Depardieu zugrunde gelegen haben mag. Viel deutlicher als der Vorgängerfilm will Egoyan auf ein existenzielles Thema hinaus: das Verblassen weiblicher Schönheit, die damit verbundene psychische Last und den Schmerz, den der Anblick unverbrauchter Jugend für Ältere bedeuten kann.

Catherine ist immer noch eine höchst ansehnliche Frau. Doch sie merkt, dass die Blicke ihr nicht mehr so häufig folgen, dass die männlichen Berührungen ausbleiben. Überall sieht sie ältere Männer, die sich mit jungen Mädchen zieren. Doch dieser Ausweg bleibt ihr als Frau versagt. Da ist auch die kanadische Gesellschaft noch immer gnadenlos unfair. In gewisser Weise bildet „Chloe“ damit ein Gegenstück zu Isabel Coixets „Elegy“, den Film einer Frau über das Altern eines Mannes.

Schon einmal hat die unvergleichliche Julianne Moore eine ähnliche Rolle gespielt. Auch die verletzliche FünfzigerJahre-Hausfrau in Todd Haynes’ „Far From Heaven“ entdeckt spät noch einmal ihr Begehren. Auch sie versucht, dem bürgerlichen Modell der perfekten Frau zu entsprechen. Doch hier wie dort: alles vergebens. Die Stewarts mögen in teuren Hotels verkehren und in exquisiten Restaurants speisen. Sie mögen stilvolle Theater und Konzertsäle besuchen und durch die beeindruckende Kulisse Torontos flanieren, zwischen Daniel Libeskinds Royal Ontario Museum und den Allen Gardens. Doch was nützen Catherine all diese üblichen Vorzüge der gehobenen Mittelschicht? Selbst ihr SchönerWohnen-Ambiente mit viel Glas und dunklem Parkett wirkt zusehends wie ein lichter, labyrinthischer Käfig. Am Ende wird hinter dieser Fassade perfekter Bürgerlichkeit wieder einmal eine Leiche zu finden sein.

Ab Donnerstag im Cinemaxx, Colosseum, Eva, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Kant, Kurbel, Moviemento; OmU im Babylon Kreuzberg, OV im Cinestar SonyCenter

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