Thriller : Dänen lachen nicht

Ein Midlife-Drama, das zum Thriller mutiert: "Bedingungslos" von Ole Bornedal ist von Beginn an konsequent mit Unruhemomenten versetzt.

Christina Tilmann

Es ist eine Nacht der lebenden Toten. Ein Drogendealer, der sterben musste, um überleben zu können. Eine junge Frau, die nach einem Autounfall im Koma liegt. Polizisten, die über den Leichen von Kopenhagen so ihre Späße machen. Und ein Durchschnittsdäne, dem sein bequemes Leben plötzlich zum Sterben langweilig vorkommt.

Polizeifotograf Jonas (sympathisch weich: Anders W. Berthelsen) irrt verloren durch das noch unfertige Neubauviertel in Kopenhagen und schreit sich den Frust von der Seele: „Hier sind alle tot.“ Tot, mitten im Leben, im bequem eingerichteten Leben mit Wohnung und Auto, Frau und Kind. Routine-Job, Mittagessen mit zynischen Kollegen, am Abend ein gepflegter Umtrunk mit Freunden und dann zu müde zum Sex mit der müden Frau, das soll es gewesen sein? „Ich will das nicht mehr, diese Mittelmäßigkeit“, entscheidet Jonas im Supermarkt.

Eine Midlife-Crisis in Dänemark. Dieser Jonas ist nett, ist normal und doch voller Sehnsucht nach einem anderen Leben. Fotoreporter in aller Welt hatte er werden wollen, studiert noch immer sehnsüchtig die Fotostrecken in „National Geographic“ – und hat es nur zum örtlichen Polizeifotografen gebracht, der die erstaunlich vielen Leichen von Kopenhagen ablichten muss. Der Unfall, der ihm da plötzlich diese bildschöne, geheimnisvolle Julia vor die Nase katapultiert, kommt wie ein Fingerzeig. Eine Chance zum neuen, zweiten Leben, mit neuer Identität. Fortan nennt Jonas sich Sebastian und gibt sich als Freund der Verunglückten aus, die im Koma liegt.

Klingt wie ein klassischer Krisenfilm. Doch Ole Bornedal ist nicht umsonst Regisseur des gefeierten Thrillers „Nightwatch“. Auch sein neuer Film „Bedingungslos“ ist von Beginn an konsequent mit Unruhemomenten versetzt. Schon in der ersten Einstellung liegt der Protagonist tot auf dem Pflaster und reflektiert darüber, was für eine super Einstellung das doch sei, so von oben gefilmt, im Schnee, und dann mit weinender Ehefrau dazu. Kleine Hommage an Billy Wilder: Auch dessen Film Noir „Sunset Boulevard“ beginnt mit der Leiche der Hauptfigur, und aus dem Off erklingt die Erzählerstimme. Auch sonst spart das Drehbuch nicht an Filmverweisen: „Eine schöne Frau mit einem Geheimnis – fängt so nicht jeder Film Noir an?“, überlegt ein Kollege. Die Richtung ist vorgegeben.

Einen Neo-Film-Noir nennt Bornedal seinen Film und lädt ihn kräftig mit Spannungselementen auf. Da ist der Besucher im Rollstuhl, mit bandagiertem Gesicht, der nachts durch die Krankenhausflure geistert. Erinnerungsflashs, in denen Julia (Rebecka Hemse) ahnt, dass in ihrem Vorleben etwas Schreckliches passiert sein muss. Und der totgeglaubte Sebastian (Nikolaj Lie Kaas), der sich plötzlich als höchst lebendig erweist. Im brutalen Showdown ist der Film dann endgültig im Thriller-Milieu angekommen. Das Verwirrspiel um Leben, Tod und wechselnde Identitäten zuvor war spannender. Christina Tilmann

Babylon Kreuzberg, CinemaxX, Filmtheater am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos

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