Thriller : Ich bin das Gesetz

Abel Turner ist ein Kontrollfreak. Auch in seiner Freizeit sorgt der bullige Cop in seinem Wohnviertel für Recht und Ordnung. Als neue Nachbarn einziehen, wird aus dem latenten Rassisten ein gefährlicher Mobber.

Achim Fehrenbach
Lakeview Terrace
Böser Nachbar: Samuel L. Jackson in "Lakeview Terrace". -Foto: Promo

Es könnte alles so schön sein. Chris Mattson (Patrick Wilson) und seine Frau Lisa (Kerry Washington) haben gerade ihr neues Haus in den Hügeln von Los Angeles bezogen. Sonnenterrasse, Pool, Blick auf das San Fernando Valley: In einer verkehrsberuhigten Sackgasse des Edelviertels Lakeview Terrace scheint ihr Traum vom trauten Eigenheim wahr zu werden. Doch einer steht zwischen ihnen und dem Glück: Nachbar Abel Turner (Samuel L. Jackson). Der schwarze Officer aus dem Los Angeles Police Department sorgt dafür, dass im Viertel niemand übermütig wird. Die Ehe des hellhäutigen Chris mit der dunkelhäutigen Lisa ist Abel ein Dorn im Auge. Aus seiner oberflächlichen Freundlichkeit wird schnell offene Abneigung und schließlich Psychoterror.

Das Thema Rassismus ist im US-Kino immer wieder prominent behandelt worden, zuletzt besonders eindrucksvoll im Oscar-prämierten Großstadt-Drama "L. A. Crash". Regisseur Neil LaBute wählt für "Lakeview Terrace" einen hochgradig symbolischen Schauplatz: 1991 wurde in diesem Stadtviertel der Schwarze Rodney King von einer Gruppe weißer Polizisten krankenhausreif geprügelt. Als die Cops 1992 von einem Gericht freigesprochen wurden, kam es in Los Angeles zu schweren Unruhen mit 53 Toten. Vor diesem Hintergrund wählt LaBute nun allerdings eine andere Perspektive: In "Lakeview Terrace" ist der Rassist ein schwarzer Cop.

"Jeder bleibt auf seiner Seite"

In der Charakterzeichnung bricht LaBute ebenfalls mit Klischees. Abel ist kein tumber Gewalttäter, sondern ein zwanghaft-verschrobener Witwer, der seine beiden halbwüchsigen Kinder mit allerlei sinnlosen Alltagsregeln nervt - von der Kleidung bis zur Musik auf dem iPod.

Abel ist davon überzeugt, dass die Welt voller schlechter Einflüsse steckt und eingezäunt werden muss: "Jeder bleibt auf seiner Seite, dann kommen alle gut miteinander aus." Ehen zwischen Schwarzen und Weißen sind für ihn ein Unding - dass ein solches Pärchen dann auch noch in seine Nachbarschaft zieht, bringt das Fass zum Überlaufen. Diese Nachbarn müssen weg, beschließt Abel.

"Lakeview Terrace" ist vor allem wegen Samuel L. Jackson ein Ereignis. Der Hollywood-Veteran gibt seiner Figur Abel einen vielschichtigen Charakter, eine Undurchschaubarkeit, aus der sich die Spannung des Films in der ersten Stunde speist. Mal ist er treusorgender Familienvater, mal schlagfertiger Gesprächspartner, mal Mobber, der die Überwachungsscheinwerfer an seinem Haus direkt in das Schlafzimmer der Nachbarn richtet. In einer Szene sitzt Chris spät abends im Auto, raucht und hört Hip Hop; Abel klopft an die Scheibe und simuliert einen Raubüberfall, ehe er Chris mit dämonischem Grinsen sein Credo vor den Latz knallt: "You can listen to that noise all night, but when you wake up in the morning, you'll still be white."

Sticheleien und Sabotage

Woher genau Abels Hass auf die Weißen kommt, bleibt fast den ganzen Film über Nebensache. Im Vordergrund stehen das Dreieck Abel-Chris-Lisa und die Entwicklung des nachbarschaftlichen Konflikts. Abel kombiniert seine verbalen Sticheleien zunehmend mit Sabotage-Akten, zersticht Reifen, legt Klimaanlagen lahm und schreckt auch nicht vor Handgreiflichkeiten zurück. Dass es schließlich zum Showdown kommen muss, steht außer Frage, spannend ist aber vor allem, wie das Pärchen nach und nach in die Offensive gedrängt wird. Aus dem gutherzig-ironischen Yuppie-Gespann werden Kämpfer, die Abels permanente Grenzüberschreitungen nicht länger tolerieren.

"In 'Lakeview Terrace' geht es mir nicht nur um Rassismus, sondern auch um persönlichen Freiraum", hat Neil LaBute in einem Interview gesagt. Wie Rassismus entsteht, wie er sich ideologisch begründet, das alles lässt "Lakeview Terrace" im Dunkeln. Reichlich deplatziert wirkt denn auch die Szene gegen Ende, als Abel seinem Gegner Chris in einer Bar die Ursachen seines Hasses offenbart.

Dieser Wink mit dem Zaunpfahl wäre nicht nötig gewesen - genauso wenig wie die überdramatisierte Showdown-Szene: LaBute hätte hier ganz auf die Schauspieler vertrauen sollen anstatt auch noch einen Waldbrand und eine Schießerei einzubauen. Das Ende bedient zu viele Hollywood-Klischees und ist ein ganz klarer Schönheitsfehler in diesem sonst sehr stimmigen Psychodrama, dessen großer Trumpf Samuel L. Jackson ist.

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