Thriller : Sicher ist unsicher

Der mexikanische Thriller "La Zona“ erzählt vom Mord in einer bewachten Wohnanlage. Eine Hetzjagd beginnt.

Martina Scheffler
La_Zona
Miguel auf der Flucht. -Foto: cineglobal

Sicherheit ist alles – in einer Welt, in der die Verhältnisse immer mehr aus den Fugen geraten und sich neuerdings sogar der deregulierte Raubtierkapitalismus in die Arme des Staates flüchtet. Andererseits: Könnte es nicht das Unvernünftigste sein, ausgerechnet dem Staat zu trauen? Wer es sich leisten kann, schottet sich ab und übernimmt selbst so weit wie nur möglich die Kontrolle über die eigene Umgebung. Private Sicherheitsdienste sind erst der Anfang. Einen Schritt weiter ist, wer versucht, das reale Leben mit seinen Gefahren kurzerhand auszuschließen.

Eine Mauer mit Stacheldraht trennt die Bewohner des mexikanischen Villenviertels La Zona von der Welt da draußen – von Slums, Armut, Dreck, Kriminalität und Gewalt. Hinein nach La Zona kommt man nur mit einer Chipkarte. Die Polizei ist allenfalls ein geduldeter Gast, nicht aber die Hüterin des Gesetzes. Die Gesetze innerhalb dieser Gated Community sind längst privatisiert – und ihre Bewohner wissen schon, wann es Zeit ist, sie zur Not auch drastisch anzuwenden.

Eines Nachts bricht die Wirklichkeit in Gestalt dreier jugendlicher Kleinkrimineller in La Zonas buchsbaumumringte Idylle ein. Dabei tötet einer von ihnen eine Villenbewohnerin, im anschließenden Gefecht mit den Nachbarn kommen zwei der drei Jungen ebenfalls um, der dritte flüchtet und ist fortan vogelfrei. Die Bewohner von La Zona beschließen, den Vorfall zu vertuschen und den „Mörder“ selber zu jagen – statt der in ihren Augen unfähigen Polizei. „Sie haben hier keine Autorität“, muss sich ein Kommissar von den aufgebrachten Bewohnern sagen lassen. Und auf seine Anmerkung „Die Straße gehört allen“ bekommt er zu hören: „Diese nicht.“

Dabei sind die „Zonisten“ keineswegs die oberen Zehntausend, sie sind die gutverdienende, akademisch gebildete Mittelschicht, und ihr Misstrauen gegenüber der staatlichen Gewalt kommt nicht von ungefähr. Der Bruder eines Bewohners wurde einst ermordet, die Polizei ließ die Täter laufen. Nein, sie sind nicht völlig schlecht, diese Privilegierten, aber gut sind sie auch nicht, wie der Kommissar, der die Vorfälle aufklären möchte, aber wegen Gewalt im Amt selbst erpressbar ist. Einziger Lichtblick im Heer der Sicherheitsfanatiker ist der 16-jährige Alejandro: Als er dem gesuchten gleichaltrigen Miguel gegenübersteht, entwickelt er so etwas wie Nächstenliebe.

Zu Recht wurde der mexikanische Regisseur Rodrigo Plá mit seinem Film mehrfach ausgezeichnet. „La Zona“ zeigt Probleme, die in dieser Zuspitzung bei uns – noch – kaum Thema sind, aber deren gesellschaftliche Grundierung sich immer mehr verfestigt: die massiven Unterschiede zwischen denen da unten und jenen da oben, das fehlende Vertrauen in Autoritäten und das Streben, selbst für bessere Bedingungen zu sorgen. Gated Communitys sind in Süd- und Osteuropa nicht mehr unüblich, in Potsdam wurde vor zwei Jahren die erste bewachte Wohnanlage Deutschlands eröffnet.

Der Preis der selbst geschaffenen Sicherheit aber ist hoch, wie Plá zeigt. Menschlichkeit bleibt auf der Strecke, Demokratie ebenso. Die Bewohner von La Zona misstrauen den Nachbarn, die die Hetzjagd nicht gutheißen, und verfolgen sie selber als Verräter. Wer die allgemeinen Gesetze angewendet sehen will, der Frauenarzt, der Architekt, der Buchhalter, wird selber zum Gesetzlosen, der im Dreck steht.

Wie schrieb der Essayist Friedrich Georg Jünger? „Wer sich gegen alles sichern will, vermehrt die Gefängnisse.“ Und findet sich schließlich in jenem Gefängnis wieder, in dem er selber lebt.

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