Tipps : NEU AUF DVD

Karl Hafner

Der Pate von Manchester: „A Very British Gangster“

Eine Sicherheitsfirma ist eine schlechte Fassade für das organisierte Verbrechen. Doch kurze Zeit macht die Dokumentation „A Very British Gangster“ (New KSM) des investigativen Journalisten Donal MacIntyre sogar glaubhaft, dass der Gangster Dominic Noonan sein Geld damit legal verdient. Sympathisch und witzig gibt sich Noonan zu Beginn, er will den Filmemacher und die Kinogänger für sich einnehmen. In den heruntergewirtschafteten Arbeitervierteln Manchesters genießt er Respekt. Unbürokratisch übernimmt er Polizeiarbeit, kümmert sich um Nachbarschaftsstreits und spielt den sorgenden Familienvater. Familie ist wie bei den italienischen Clans auch hier das Wichtigste. Von Ehre und Kameradschaft wird geschwafelt, und gläubig gibt man sich auch. Doch die Kategorien Barmherzigkeit oder gar Schuld existieren nicht. Noonan ist Kopf einer der schlimmsten Gangsterorganisationen Englands. Von seinen 39 Lebensjahren hat er 22 Jahre im Gefängnis verbracht. Frappierend schäbig ist dieses Gangstertum hier. Glamour und Stil gibt es nicht, die Welt bekannter Filmgangster muss auf einem anderen Planeten liegen. In Noonans Gang suchen jugendliche Schläger, getarnt in feinen Anzügen, den Adrenalinkick, und der Bruder prahlt mit seinen Morden. Irgendwann wird er abgestochen. Und Noonan meint: Jetzt geht es jetzt erst richtig los.

Der schüchterne Busfahrer: „El Frasco – Der Glasbehälter“

Alle Welt nennt ihn den „Stummen“. Der Busfahrer Juan Perez redet kaum, nur wenige Silben, wenn er direkt gefragt wird. Perez ist ein trauriger Mensch, ein Niemand, dessen Leben nur aus Schlafen und Busfahren besteht. „El Frasco – Der Glasbehälter“ (Icestorm Revolution) des Argentiniers Alberto Lecchi hat etwas von einem Roadmovie, und doch geht die Fahrt hier immer nur im Kreis. Immer wieder vorbei an denselben Gesichtern, denselben Tankstellen und Bars, über die Brücke zum Busbahnhof und zurück. Eine Kleinigkeit bringt die Routine zum Wanken. Die Lehrerin Romina, ebenfalls einsam, bittet Perez, eine Urinprobe für eine medizinische Analyse ins weit entfernte Labor zu bringen. Perez lässt das Glas fallen und weiß sich nur durch eine große Dummheit zu helfen. Einer Notlüge folgt die nächste, und bald erkennt Romina, dass Perez ihr etwas verschweigt. Lecchi erzählt in seinem 2008 entstandenen Film von zwei Außenseitern, die nur mühsam zueinanderfinden und deren Beziehung so fragil erscheint wie Glas. Und doch nimmt die Umgebung auf den Busfahrten allmählich Farbe an, sogar die Nummernschilder der Autos bekommen etwas scheinbar Magisches. Am Schluss heilen ehrliche Worte tatsächlich alle Wunden. Das gibt diesem schönen Liebesfilm zwar etwas altmodisch Märchenhaftes, aber ist es nicht wunderbar tröstlich?

Leidenschaftliche Lucy: „La Bête – Die Bestie“

Um den Verlust der Unschuld geht es in Walerian Borowczyks „La Bête – Die Bestie“ (Bildstörung), einem barocken Horrordrama von 1975, das mit dem Mythos von der Schönen und dem Biest spielt. Auf einem Landschloss, einem typischen Ort für Exzesse, wie sie etwa der Marquis de Sade beschrieben hat, findet Lucy hier jedoch nicht das Menschliche im Monster, sondern das Monströse im Menschen, in ihrem zukünftigen Gatten. Lucy soll mit dem jungen Mathurin aus französischer Adelsfamilie verheiratet werden, man wartet nur noch auf die Ankunft des Kardinals. Die Atmosphäre ist intrigant und sexuell aufgeladen, ein Pfarrer techtelmechtelt mit zwei Jünglingen, Objekte werden zu Fetischen, eine alte Familiensaga erzählt von einem Ungeheuer, das sich im Schlosspark seine Opfer sucht. Lucy ist von dieser Geschichte angetan. In einer berüchtigten Traumszene irrt sie durch den Wald und wird zuerst Opfer des Tieres, das mit aufgerichtetem Phallus über sie herfällt. Doch später macht sie sich das Tier zum Werkzeug ihrer eigenen sexuellen, todbringenden Lust. Borowczyks Film war damals ein Skandal und lange in Deutschland nicht zu sehen. Was etwa in Filmen wie „King Kong“ nur als sexueller Subtext zu erahnen ist, wird hier in voller Konsequenz zum pornografischen Zentrum, zum Tabubruch. Borowczyks Film ist drastisches Kino der Nacht, ein Film über die verbotenen Abgründe menschlichen Verlangens, grotesk und ironisch erzählt, eine kuriose Mischung aus gekonntem Kunst- und schmutzigem Bahnhofskino. Karl Hafner

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