Tipps : Neu auf DVD

"Deadlock" von Roland Klick und Kill von Kihachi Okamoto.

Karl HafnerD
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Dieser Ort ist Endstation. Sackgasse. Totaler Stillstand. Durch die Wüste taumelt ein Desperado mit einem Koffer Geld, halbtot bricht er zusammen unter der tödlichen Sonne, Linsenreflexionen tanzen auf der Bildoberfläche, und der Sound der Psychedelic- Band CAN zerstört jegliche Orientierung. Der Desperado ist am Ende seines Weges angekommen. Das wird bereits klar in den ersten Einstellungen von Roland Klicks Deadlock (Filmgalerie 451, im 16:9-Format) von 1970, einem Western im Italo-Stil, der selbst dieses zynische Genre zu einem Ende bringt. In der Ortschaft wohnt ein Gestrandeter mit Frau und Tochter: Charles Dump, der Fallengelassene, der Gedumpte, gespielt von Mario Adorf. Natürlich ist Charles Dump scharf auf das Geld. Aber den halbtoten Desperado mit eigenen Händen gleich ins Jenseits zu befördern, schafft er nicht. Soll er doch lieber verbluten! Als ob die Schuld dann kleiner würde!

Irgendwann taucht ein weiterer Gangster auf. Er nennt sich Sunshine und ist der finsterste Bursche von allen. Die Handlung des Films ist auf ein Minimum reduziert, und doch geht es um das Wesentliche in einer so schäbigen Welt: ums Geld, auch wenn kein Mensch weiß, was man damit kaufen könnte. Der einst der Wüste abgerungene Ort ist seit vielen Jahren verlassen, eine Bar gibt es nicht mehr. Und Schnaps würde hier sowieso nicht mehr betäuben. Ab und an fährt zwar ein Zug vorbei auf seiner Fahrt vom Nirgendwo ins Nichts, aber er hält woanders. Selbst die Frauen wollen gar nicht mehr erobert werden. Aus Mangel an Alternativen nehmen sie jeden. Hier herrscht bereits die Zeit, in der alte Westernhelden nichts mehr zu suchen haben. Echte Cowboys gibt es nicht mehr. Sie sind verdreckte Viehhirten – oder Verbrecher.

Auch der Samurai, gewissermaßen das Cowboy-Pendant des japanischen Kinos, hat ein Legitimationsproblem in Kihachi Okamotos Kill (Rapid Eye Movies) von 1968, der in wunderbarem SchwarzWeiß gedreht ist. Auch hier treibt der Wind in den ersten Einstellungen den Staub durch die Luft. Ein torkelnder Mensch, halb verhungert, schleppt sich in einen kleinen, verwüsteten Ort. Der Mann ist ein verarmter Bauer mit dem Traum, Samurai zu werden. Im Ort trifft er den Ex-Samurai Genta, der sich für ein Dasein als Gangster entschieden hat und über die hochtrabenden Pläne des anderen nur noch spotten kann. Wie ein stolzer Krieger sieht Genta nicht mehr aus, mit seinem Bart und seinem Bambusschwert. Okamoto hat eine ganze Reihe Samuraifilme gedreht, unter anderem das nihilistische Meisterwerk „Sword of Doom“ (1967). In „Kill“ schlägt er dagegen einen humorvollen Ton an, neigt zu Albernheiten und Absurditäten, und dennoch liegt über allem das Gefühl von Traurigkeit.

Die beiden vagabundierenden Gestalten stecken bald mitten in einer Intrige, auf der Seite von sieben Samurais, die von ihrem Herrn verraten wurden. Von Auftragskillern umstellt, verschanzen sich die noblen Krieger in einer Berghütte – und streiten um die schöne Frau und um Alkohol. Der Ex-Samurai und der Nochnicht-Samurai, das sind die eigentlichen Helden. Viele Einstellungen, die seltsamen Kamerawinkel und vor allem der Score mit wabernden Surf-Gitarren erinnern an die Italo-Western. In ihrem Schicksal sind der Cowboy und der Samurai Leidensgenossen. Sie wurden von der Zeit überholt. Ihr Heldentum ist nicht mehr gefragt im Film der sechziger Jahre. Erstarrte Ikonen – sonst nichts mehr. Roland Klick stellt seinen Figuren im Western den Totenschein aus, während Okamoto sie weiterleben lässt, als Karikaturen, die das Beste und Schlechteste ihres Schlags verbinden. „Töten oder getötet werden – beides hinterlässt einen unangenehmen Nachgeschmack“, fasst Genta das Samuraidilemma zusammen. Karl Hafner

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