''Transformers'' : Das Knallkörpergefühl

Materialschlacht: Michael Bays US-Blockbuster "Transformers" wirbt unverblümt fürs Militär.

Sebastian Handke
Transformers Foto: Promo
Szene aus "Transformers". -Foto: Promo

Ein Junge weiß, welches Spielzeug zu ihm gehört. Für Michael Bay beispielsweise sind es Knallkörper und Kamera. Als er noch klein war, steckte er Böller in seine Eisenbahn, legte Lunte, griff sich die 8mm-Kamera seiner Mutter und filmte das Mini-Desaster. Angeblich musste sogar die Feuerwehr anrücken.

Heute ist Bay in Hollywood der Mann für Explosionen und daher bestens geeignet für einen Film über zwei Roboter-Rassen, die ihren Bürgerkrieg auf unseren Planeten tragen und sich zur Tarnung in Autos, Flugzeuge und Hubschrauber verwandeln. Am Anfang kauft sich Sam Witwicky (Shia LaBeouf) ein Auto, das in Wahrheit ein Kampfroboter ist. Er steht davor wie das Kind im Spielzeugladen. „Nicht der Fahrer wählt das Auto“, sagt der Händler weise. „Das Auto wählt den Fahrer.“ Darum geht es in „Transformers“: Männer, Maschinen und die zarten Bande zwischen ihnen.

Bereits 1986 gab es einen Animationsfilm, hervorgegangen aus einer Fernsehserie. Handwerklich nicht gerade anspruchsvoll, wirkte der Film auf acht- bis zwölfjährige Jungs doch verstörend: Schon nach einer Viertelstunde starb Optimus Prime, die beliebte, väterliche Hauptfigur. Es starben überhaupt ziemlich viele, und zwar ohne Wiederkehr. Die „Transformers“ waren ein in den USA teils kultisch verehrtes Kinderspielzeug, und der Kinofilm hatte nur eine Aufgabe: hinüberzuleiten zur nächsten Produktlinie. Optimus Prime hatten die meisten schon zu Hause stehen.

George Lucas war der erste Filmemacher, der sich die Einnahmen an den Nebenprodukten seiner „Star Wars“-Filme auszahlen ließ. Heute sind Arrangements zwischen Filmstudios und Spielzeugherstellern oft Voraussetzung dafür, dass Filme überhaupt entstehen. Im Falle der Transformers aber verlief die Verwertungskette in umgekehrte Richtung: das Spielzeug ging den Serien, Comics und Filmen voraus. 1984 hatte die Reagan-Regierung das Kinderfernsehen „dereguliert“, Werbebeschränkungen wurden aufgehoben. Eine ganze Reihe von Werbesendungen in Gestalt halbstündiger Trickserien fand daraufhin den Weg ins Fernsehen. Das gute Geschäft findet im Kino seine Fortsetzung. Drei Millionen Transformer-Figuren konnte Hasbro, der zweitgrößte Spielwarenhersteller der Welt, verkaufen – seit Juni dieses Jahres.

„Transformers“ zeigt aber auch Spielzeug für Erwachsene. Seit „Top Gun“ hat es im Kino keine derart verherrlichende Feier des US-Militärs mehr gegeben. Michael Bays Beziehungen sind gut: das Militär kann sicher sein, dass es in seinen Filmen glanzvolle Auftritte bekommt. Das Verteidigungsministerium bedankt sich auf seiner Website für die gute Zusammenarbeit: „Die Kooperation mit der Unterhaltungsindustrie gibt dem Militär eine menschliche Seite“, lässt sich Air Force Chief Master Sgt. Mike Gasparetto, zuständig für Anwerbung, zitieren. „Es ist ein großartiges Mittel zur Markenbildung.“ So gelingt „Transformers“ eine unheimliche Kreuzung: es ist Verkaufsmaschine für Kinderspielzeug und Rekrutierungsclip fürs Militär zugleich.

An diesem Schnittpunkt fühlt Michael Bay sich wohl. Mit dem Geldsegen schamloser Schleichwerbung (vor allem für General Motors) und der Unterstützung durchs Militär kann der Ex-Werbefilmer seine Knallkörper in ausgesprochen teures Spielzeug stecken. Von „Bad Boys“ über „Armageddon“ und „Pearl Harbor“ bis zu „Die Insel“ – Bays Actionsequenzen waren immer überwältigend. In „Transformers“ ist die digitale Illusionstechnik auf einem staunenswerten Stand angekommen: Der Realismus kollidierender Metallmassen kontrastiert beeindruckend mit jenen luftigen Flugbahnen, die Sam Raimi in seinen „Spiderman“-Filmen mit denselben Mitteln auf die Leinwand zeichnete.

„Transformers“ setzt allerdings auch eine andere Bay-Tradition fort. Es ist ein unförmiger und entsetzlich dummer Film. In den Vereinigten Staaten war er dennoch ein großer Erfolg: 273 Millionen Dollar hat „Transformers“ in nur vier Wochen eingespielt. Michael Bay versteht das Kino fast ausschließlich als Raum zur Entladung von Bild- und Tonsensationen. Konflikte, Expositionen und Entwicklung gibt es kaum. Dem organisch zusammengesetzten Dreiakter, in Hollywood mehr denn je das Maß der Dinge, setzt Michael Bay ein Kino hektischer Überhitzung entgegen. Fortwährend befindet sich seine Kamera in Bewegung, doch die Bilder fließen nicht, sie schlagen ein, oft mehrmals in der Sekunde. Selbst einfache Dialogszenen sind zusammengesetzt aus vielen kurzen Einstellungen, die nur in ungefährer Zeitfolge aneinander anschließen.

Das Resultat ist Michael Bay in Reinform, vor allem im Finale: eine halbstündige Zerstörungsorgie in den Häuserschluchten von Los Angeles, wie gewohnt im warmen Gegenlicht der untergehenden Sonne. Man kann zwar erkennen, wann es beginnt und wann es endet; was hier aber geschieht und warum genau, wer sich wo befindet und in welche Richtung bewegt, das ist nur näherungsweise in eine Ordnung zu bringen. Mit einer Kamera, die meist ganz nah dran ist, einer Tonspur, deren Dauerhagel gewaltig in den Magen fährt – gäbe es nicht hier und da noch Dialog- und Handlungsreste, man könnte fast von einem expressionistischen Film sprechen.

Erst das menschliche Hirn setzt Einzeleindrücke sinnverbindend zusammen. Deshalb halten wir eine Projektion von 24 Bildern in der Sekunde für ein einziges Bewegtbild; deshalb nehmen wir zusammengefügte Sequenzen als einheitliche Szene wahr, selbst wenn sie aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen wurden. Michael Bays Stakkato verlässt sich auf dieses Talent – wendet sich allerdings an Hirne, deren Auffassungsgabe an Musikclips und Bildschirmspielen geschult ist.

Das berührt die Regeln der Montage fiktionaler Filme grundsätzlich: Statt aus einer logischen Abfolge von Handlungspunkten setzt sich Bays Trümmer-Kino eher aus atmosphärischen Bild- und Tonräumen zusammen, innerhalb derer – ähnlich wie in fünfminütigen Musikclips – die Reihenfolge der Einzelbilder kaum mehr von Belang ist.

In der Pornobranche gibt es längst das sogenannte Gonzo-Genre. Dort ist die Kamera so nah am Geschehen wie möglich – ohne Handlung, Dialog, Vorspann oder Szenenverknüpfung. Der Gonzo hat die letzten Reste der Erzählung über Bord geworfen – zugunsten der ungetrübten Dienstleistung; der Bereitstellung von Reizen zur Befriedigung psycho-sensorischer Bedürfnisse. Das Actionkino, wie Michael Bay es versteht, bewegt sich exakt so. „Transformers“ macht ihn zum ersten Gonzo-Regisseur des toy porn.

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