Kino : Trauer tragen

„Grace Is Gone“, ein Irakkriegs-Melodram

Martin Schwickert

Wenn der Vater nach Hause kommt, schaltet die Tochter schnell den Fernseher aus. Den beiden Phillips-Töchtern ist es streng untersagt, sich Kriegsberichte aus dem Irak anzuschauen. Als Berufssoldatin ist ihre Mutter an der fernen Front, während Stanley (John Cusack) zu Hause die Stellung hält.

„Ich war stolz darauf, sie gehen zu sehen“, berichtet er in der Selbsthilfegruppe. Die Soldatenfrauen nicken dem einzigen Mann in der Runde verständnisvoll zu. Sie wissen, solche Sätze sind Barrikaden, hinter denen die Angst lauert. In James C. Strouse Kinodebüt „Grace Is Gone“ ist sie nur zu berechtigt: Die Kinder sind in der Schule, als zwei Uniformierte die Todesnachricht überbringen. Wie paralysiert bleibt Stanley den halben Tag im Bademantel auf dem Sessel sitzen. Später gelingt es dem Vater nicht, seinen Kindern die traurige Wahrheit zu erzählen. Stattdessen macht er mit den Mädchen einen Ausflug in einen Vergnügungspark. Die mehrtägige Fahrt vom trüben Minnesota ins sonnige Florida: ein langsam scheiternder Fluchtversuch.

Strouse setzt das familiäre Trauerspiel als entschlacktes Roadmovie in Szene. Highways, Hotels, Shopping-Malls und Fastfood-Ketten ziehen am Autofenster vorbei, während sich die Insassen zur schmerzlichen Wahrheit vortasten. Ungeheuer präzise spielt John Cusack den verschlossenen Familienvater, der selbst von einer Militärkarriere träumte, aber wegen Kurzsichtigkeit aus der Armee entlassen wurde. Langsam zerfällt auf der Reise der Schutzmantel väterlicher Autorität.

Zur emotionalen Ungelenkigkeit gesellt sich politische Scheuklappenmentalität. Nur kurz leuchtet im Streitgespräch mit dem Bruder die Tagespolitik auf, bevor Stanley die Diskussion mit patriotischen Phrasen niederbügelt. Die eingeengte Familienperspektive erspart dem Zuschauer politische Bekenntnisse und kriegerische Gewaltexzesse; so dient sich der Film beim liberalen Amerika ebenso an wie bei den Konservativen – eine Strategie, die in den USA jedoch nicht aufging. Die Weigerung des dortigen Publikums, sich im Kino mit dem Krieg im Irak auseinanderzusetzen, traf auch diesen weich gezeichneten Film. In drei Monaten spielte „Grace Is Gone“ nur 50 000 Dollar ein. Martin Schwickert

Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Hellersdorf, Thalia Movie Magic, Colosseum, Zoo Palast

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