Traumata : Das Land der verlorenen Kinder

"Schattenwelt" und "Es kommt der Tag": Neue deutsche Filme ergründen den Terrorismus aus der Töchterperspektive.

Jan Schulz-Ojala
283717_3_xio-fcmsimage-20090623195100-006000-4a411604aeef3.heprodimagesfotos861200906244a3c64ae.jpg
Zweikampf. Franziska Petri und Ulrich Noethen in "Schattenwelt". -Foto: Salzgeber

Wie verdammt lang her das alles ist: Soeben wurde es bei der Debatte um den Stasi-Polizisten Kurras, seine Erschießung des linken Märtyrers Benno Ohnesorg und die volksaufhetzende Vorbereiterrolle der Springer-Zeitungen wieder deutlich. Entweder taten die nachgeborenen Kommentatoren übereifrig, als seien sie selber dabei gewesen; oder die Akteure von damals fielen, ergriffen vor Erinnerung, unvermutet in den martialischen Jargon jener Jahre zurück. Apo-Opa erzählt vom Krieg, möchte man meinen. Nur dass das fast zärtliche Schimpfwort, das nach der Studentenrevolte bald jedem Mittdreißiger unter den einstigen Mitstreitern der Außerparlamentarischen Opposition anhing, heute zumindest biografisch korrekt ist: Die Großväter der westdeutschen Linken rüsten zum letzten Gefecht.

Oder letztes Jahr der „Baader Meinhof Komplex“, der die Genese und Arthrose des deutschen Terrorismus ins Visier nahm: bloß eine Räuberpistole, ausgeheckt von den Altachtundsechzigern und mittlerweile Jungsechzigern Bernd Eichinger, Uli Edel und Stefan Aust. Regisseur Uli Edel sagte zwecks Film-PR in jedes Mikrofon, er habe damit seinen in den USA sozialisierten, jung erwachsenen Söhnen erklären wollen, was damals war – und wie es war. Nur eben nicht, warum es war. Die laute Parade der Oberflächen-Schlüsselreize überzeugte immerhin in dem Bemühen, das apolitische Unterhaltungsbedürfnis der Jüngeren nicht mit der Anstrengung eines analytischen Blicks zu belästigen.

Dabei sind Schnellrücklauf, Schnelldurchlauf, Schnellvorlauf die untauglichsten Mittel, den bis heute nachwirkenden Träumen und Traumata der Bundesrepublik gerecht zu werden. Auch die flinke Totale verschafft keinen Überblick, und der fahrige Zoom hebt erst recht nichts hervor. Vielmehr ist es die sorgfältig individualisierte Perspektive, die aus dem immensen Abstand von Jahrzehnten überhaupt noch begreiflich machen kann, warum politische Hoffnungen so schwer versiegen und die später durch den Terrorismus geschlagenen Wunden so langsam heilen.

Vor knapp zehn Jahren war das Kino als populärstes kollektives Selbstverständigungsinstrument da schon mal ziemlich weit: Volker Schlöndorff ließ in „Die Stille nach dem Schuss“ Bibiana Beglau als ausgestiegene Terroristin in der DDR und einer total dekonstruierten Identität stranden. Und Christian Petzold erzählte in „Die innere Sicherheit“ von einer 15-Jährigen, die ihren von einer Undercover-Existenz zur nächsten eilen wollenden Eltern, Ex-Terroristen auch sie, aus lauter Trotz und Lebensentdeckungslust die Zukunft vermasselt.

Leise Tragödien waren das, in Männerfilmen, die eine dezidiert weibliche Protagonisten-Perspektive suchten: die gescheiterte, in ihrer biografischen Sackgasse aufgestörte Heldin und die Halbwüchsige, die angesichts des lebenslangen Versteckspiels der Eltern eine eigene fatale Ausweichbewegung unternimmt. In diesem Sommer nun erzählen zwei Regisseurinnen von erwachsen gewordenen Töchtern, die ihre Rechnung mit der terroristisch entgleisten Elterngeneration aufmachen – das Opferkind in Connie Walthers „Schattenwelt“ und das Täterkind in Susanne Schneiders „Es kommt der Tag“. Beide Filme sind dramaturgisch nicht eben perfekt, erzählen aber, auch politisch, allemal mehr über die Wurzeln deutscher Malaisen als die überwiegend krachledernen jüngsten Widerspiegelungsversuche. Und sie kommen, obwohl sie in ihren Storys nahezu konträre Anläufe nehmen, zu verblüffend ähnlichen Ergebnissen.

Franziska Petri spielt in „Schattenwelt“ Valerie, die zunächst rätselhafte junge Freiburger Hochhausnachbarin eines soeben nach 22 Jahren Haft entlassenen RAF-Terroristen. Ulrich Noethen gibt diesen Saul Widmer als Bärtigen, Einsamen, irgendwie Erloschenen: Wer geschossen hat damals und den Banker und ein paar Unbeteiligte umgebracht, Saul oder Martha (Eva Mattes) oder noch jemand, ist demonstrativ unklar geblieben; und ihm inzwischen offenbar egal, er hat seine Strafe abgebrummt. Sein einziges Interesse: den Sohn zu finden, den er mit Martha hat, die irgendwo unter falschem Namen lebt. Da kommt die insistierende Präsenz jener Valerie, die Saul immer massiver mit seiner Vergangenheit konfrontiert, reichlich ungelegen.

In „Es kommt der Tag“ hat sich die Ex-Terroristin Judith (Iris Berben) wie schon die Protagonisten bei Schlöndorff und Petzold, ein verborgenes Zweitleben zugelegt – als friedlich in Ökoinitiativen aktive Ehefrau eines elsässischen Weinbauern, und zwei heftig pubertierende Kinder gibt es auch. Da taucht eines Tages eine junge Deutsche (Katharina Schüttler) in dem idyllischen Hof auf und schickt sich an, das harmonische Familienleben planmäßig zu zerstören. Es ist ihre eigene Tochter Alice – Judith hat sie in jenen wilden Jahren zur Adoption freigegeben, um ihr das Schicksal eines Lebens im Untergrund zu ersparen. Nur: Wie solch hehres Motiv jemandem gegenüber glaubhaft machen, dem man die Mutter gestohlen hat?

Die Konfrontation zwischen den Generationen gerät in beiden spannend anhebenden Filmen zunehmend oberflächendramatisch, mit einem Übermaß an Pistolengefuchtel („Schattenwelt“) bzw. Tränen („Es kommt der Tag“). Bemerkenswert aber ist, wie ähnlich apathisch die Alten auf der familiären Anklagebank sitzen und nur das böse Bellen von damals vernehmen lassen, wenn die verlorenen Kinder ihnen zu stark zusetzen. Und verblüffend, wie sehr die jungen Rächerinnen – Petri zunehmend angestrengt, Schüttler in einer imponierenden Tour de Force – in ihrem verständlichen Wahrheitsfindungsfuror selber immer inquisitorischer werden; als sei das verkapselte Terrorgedächtnis der Elterngeneration nur durch die eigene Mutation zur Privatterroristin aufzusprengen.

Die Schlüsse beider Filme, die hier ebenso wenig verraten seien wie die eher erschöpfend als aufregend mäandernden Verzweigungen der Story, könnte man versöhnlich nennen, wenn sie nicht so furchtbar traurig wären. Brecht würde sagen: „Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt, schmerzt die Narbe.“ Der Altersunterschied, auch das liegt in der Natur dieser Zeile, spielt keine Rolle.

„Schattenwelt“ startet am Donnerstag im Babylon Kreuzberg, Broadway und FT Friedrichshain. „Es kommt der Tag“ läuft ab 27. August im Kino.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben