Kino : Traumkameraden

Uli Gaulkes Kinodoku „Comrades in Dreams“

Jens Müller

Das Kino liebt es, Mythen zu inszenieren. Und es ist – man denke an Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ – längst ein Mythos geworden, der sich selber gerne in Szene setzt. Der Dokumentarist Uli Gaulke („Havanna mi amor“), der selbst als Filmvorführer in Berliner Kinos arbeitete, hat ihm mit „Comrades in Dreams“ einen ganzen Film gewidmet – und ist zu Kinobetreibern und Filmvorführern quer über den Globus gereist.

Maharashtra in Indien, Chongsan-Ri in Nordkorea, Ouagadougou in Burkina Faso und Big Piney in Wyoming, USA sind die Stationen dieser Erkundungsfahrt. Was mag Kinobetreiber aus so verschiedenen Welten verbinden? Vor allem der Glaube an die Macht ihres Mediums. Der Inder Anup hat zu seinem Arbeitsmaterial buchstäblich eine sakrale Beziehung: Einmal lässt er eine Filmrolle im Tempel segnen. Im säkularen Nordkorea geht es scheinbar bodenständiger zu: „Gibt es ein Problem bei der Bewässerung, lösen wir es mit einem Film“, erklärt die Vorführerin Han Yong-Sil im Blick auf die offenbar unerschöpflichen heimischen Lehrfilmbestände. Fragt sich nur: Warum ist das Land da noch auf Nahrungsmittellieferungen angewiesen?

Die Episode im koreanischen Landarbeiterkino ist das bemerkenswerteste Etappenziel des Films. Gaulke hat seinen Gastgebern die Bilder offenbar geradezu abringen müssen: Sein Team und vor allem die interviewte Filmvorführerin standen unter ständiger Beobachtung. Zudem ist hier ein aufschlussreicher Film im Film zu sehen: Zwei Familien verkuppeln in dem Film, der in der nordkoreanischen Episode gezeigt wird, ihre Kinder, gegen den Widerstand von Braut und Bräutigam. Am Ende steht gegen den Wunsch nach Liebesheirat, der die Grenzen auch des isoliertesten Landes der Welt durchdringt, das staatstragende Plädoyer des Großvaters. Die Kinder werden ein Paar. So absurd einfach ist das, wie bei der Bewässerungsanlage.

Ist diese Propaganda erfolgreich? Wie aufrichtig bewundert die Filmvorführerin den großen Diktator Kim Jong-Il? Gaulkes Dokumentarfilm überlässt es den Zuschauern, zwischen den Zeilen zu lesen: Die Wirklichkeit erklärt sich selbst. Wobei die vier Kinomacher, wenn sie über ihre Filme philosophieren, auch viel von sich selber preisgeben. So dramaturgisch simpel und unfreiwillig komisch der nordkoreanische Film sich auch gegen das opulente indische Kino ausnimmt: Liebesheiraten im echten Leben lehnen Anup und Han Yong-Sil gleichermaßen ab. Nur in ihrer Lust auf den Spielfilm, auf die emotionale Kraft von Leinwandgeschichten, sind sie, wie Gaulke es nennt, Traumkameraden. Jens Müller

fsk am Oranienplatz und Hackesche Höfe, beide OmU

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