Kino : Über die Grenze

Für den guten Zweck: „Trade“, ein Thriller über globalen Menschenhandel

Sebastian Handke

Wenn man als Filmemacher auf Missstände aufmerksam machen oder politisch etwas bewirken will – wie stellt man das an? Mit einer Dokumentation wäre man moralisch und ästhetisch auf der sicheren Seite, muss allerdings damit leben, dass nur Festival-Besucher und ArteZuschauer vom Anliegen erfahren. Eine andere Möglichkeit ist das ArthouseDrama. Auch nicht gerade ein Publikumsmagnet, wenn es nicht zur Oscar-Nominierung kommt wie bei „Traffic“ oder „Crash“. Den dritten Weg, den heikelsten, könnte man als trojanische Lösung bezeichnen: ein unterhaltsamer Film, der die Botschaft mit Thriller-Mitteln in Herz und Hirn des Zuschauers trägt.

Dass dieser Weg für einen Mann wie Roland Emmerich naheliegend ist, überrascht nicht. Sein Umweltschutz-Epos „The Day After Tomorrow“ war auf diese Weise konzipiert; anschließend kündigte er an, bald weitere politische Themen aufzugreifen. Das Drehbuch zu einem Film über Sexsklaverei, das er bei Jose Rivera („The Motorcycle Diaries“) in Auftrag gegeben hatte, gab er dann aber lieber an einen seiner Schützlinge weiter. Doch Marco Kreuzpaintner („Sommersturm“) war überfordert mit „Trade – Willkommen in Amerika“.

Ausgangspunkt ist eine aufwühlende Reportage im „New York Times Magazine“ über internationalen Menschenhandel, der vor allem an der Grenze zwischen Mexiko und den USA floriert. Weltweit werden Hunderttausende als Sexsklaven verkauft. „Trade“ konzentriert sich auf das Geschwisterpaar Adriana (Paulina Gaitan) und Jorge (Cesar Ramos): Adriana wird entführt und in die USA verschleppt, Jorge macht sich auf die Suche und wird dabei von einem texanischen Versicherungspolizisten (Kevin Kline) unterstützt.

Kreuzpaintners Film bemüht sich, die Mechanismen des internationalen Menschenhandels darzustellen. Doch er will nicht nur aufklären, sondern auch aufrütteln. Es ist allerdings etwas anderes, ob man mit Katastrophenbildern aus der Effekt-Abteilung gegen Kohlenstoffdioxid ins Feld zieht, oder ob man mit hübschen, sehr jungen Schauspielerinnen schlimme Verbrechen an Leib und Seele nachstellt. Dann muss man Bilder finden für das, was ihnen angetan wird, und vor allem: Man muss ihre Angst zeigen. Kreuzpaintner kann der Versuchung nicht widerstehen, allseits bewährte Mittel der Manipulation einzusetzen. Das bringt seinen Film gefährlich nahe ans Exploitation-Kino: „Trade“ hat streckenweise ein fast voyeuristisches Verhältnis zu seinem Thema. Der Film ist schmierig, theatralisch, voller Klischees und dann auch noch ohne handwerkliche Sorgfalt.

Marco Kreuzpaintner ist nicht der Erste, dem so etwas passiert. Erst im Februar waren Jennifer Lopez und Regisseur Gregory Nava mit „Bordertown“ auf der Berlinale zu Gast: dasselbe Thema, derselbe Eifer, dieselben Fehler. Kreuzpaintners Film greift sogar noch weiter daneben: Das Schlimme will er uns schmackhaft machen, indem er es als Buddy-Movie aufbereitet mit allerlei kleinen Witzchen und als eine Jagd gegen die Zeit mit gänzlich deplatzierten Thriller-Elementen – wenn etwa Adrianas Versteigerung im Internet zu einem spannungsgeladenen Filmhöhepunkt aufgeblasen wird, samt aufreibender Begleitmusik.

Es ehrt Marco Kreuzpaintner, dass er für sein Hollywood-Debüt ein so schwieriges Projekt wählte. Und man wünscht diesem Thema jede Öffentlichkeit. Dieser Film aber ist ihm völlig misslungen.

In neun Berliner Kinos, OV im Babylon und Cinestar Sony-Center

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