Kino : Unglaubliche Wahrheiten

Hal Hartley und andere Entdeckungen: das Sommerfestival des Berliner Filmkunst 66

Silvia Hallensleben

Er ist nicht gerade der Mann, den man bei wilden Premierenparties trifft. Doch als der New Yorker Filmemacher Hal Hartley vor vier Jahren ein AmericanAcademy-Fellowship zum Daueraufenthalt an der Spree verlängerte, stieg Berlin für manchen Cineasten im globalen Städte-Ranking gleich um ein Dutzend Punkte. Hartleys letzter Film, der ironische Agententhriller „Fay Grim“ (2006), der heute in Anwesenheit des Regisseurs das sommerliche Independent Filmfestival im Filmkunst 66 eröffnet, wurde zu großen Teilen in der Stadt gedreht, als Fortsetzung von „Henry Fool“ (1998). Danach hatte sich Hartley für einige Jahre aus dem Filmgeschäft zurückgezogen und mit Bühnen- und Video-Arbeiten andere künstlerische Bereiche erkundet.

Viele Hartley-Fans trauern allerdings immer noch den Filmen nach, die den Arbeitersohn mit Filmstudium in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren zu einem der aufregendsten Protagonisten des US-amerikanischen Independent Cinema machten. Das Filmkunst 66 präsentiert – neben „Fay Grim“ und „Henry Fool“ – fünf frühe Arbeiten, und das Wiedersehen zeigt, dass sie nicht nur erstaunlich frisch geblieben sind, sondern im Licht der verflossenen Jahre an Schärfe und Souveränität gewonnen haben. Schon sein Spielfilmdebüt „The Unbelievable Truth“ von 1989 wirkt heute erstaunlich reif und präsentiert den Hartley-Touch in Vollendung: Kristallin geschliffene Dialoge, überirdisch strahlendes Licht und eine Körperpräsenz, bei der Tanztheater in Slapstick mündet.

Die Werkschau ist Teil des Independent-Festivals mit 42 Titeln, das Kinoleiter Franz Stadler jeden im Sommer organisiert. Dabei bilden Hartleys Filme die historische Kontrastfolie für die 25 Festival-Beiträge aus neuerer Zeit. Es sind Filme, die teilweise keinen Verleih haben und von denen Stadler meint, sie hätten ein besseres Leben verdient, als in der Videothek auf gnädige Entleihung zu hoffen. „Jedes Jahr kommen rund 500 neue Filme in die deutschen Kinos“, fragt er, „aber sind es auch die besten Filme?“ Nein, würde wohl jeder sagen, der etwa auf Festivals Gelegenheit hat, auch das zu sehen, was im regulären Kinoprogramm keine Chance hat. Gerade die sperrigen, oft besonders anregenden Filme bleiben da auf der Strecke.

Sie sind allerdings auch in Stadlers Programm deutlich in der Minderzahl. Ausnahme: Lucile Hadzihalilovics „Innocence“, eine betörend inszenierte verstörende Fantasie um ein im Wald verstecktes Erziehungsheim, in dem einige Dutzend altmodisch aufgebrezelter Mädchen und zwei Erzieherinnen zwischen Seilhüpfen, Ballettstunden und rätselhaften Ritualen der Pubertät entgegenwarten. Der 2004 von der ehemaligen Gaspard-Noé-Mitarbeiterin realisierte Film wurde mehrfach ausgezeichnet, schaffte es aber nur in wenigen Ländern ins Kino. Doch die von Benoît Debie um subtile Lichteffekte komponierten Bilder benötigen die große Leinwand, um ihre Wirkung zu entfalten.

Die monotonen Traumbilder von „Innocence“ dürften sich den Zuschauern ins Bildergedächtnis einbrennen – was sich von vielen anderen der Festivalbeiträge aber eher nicht sagen lässt. Vor allem die amerikanischen Produktionen wirken oft wie zweitklassige Ausgaben erfolgreicher Genre-Varianten; von der Originalität und Radikalität eines Hal Hartley ist da wenig zu spüren. Das liegt zum einen daran, dass der Independent-Begriff gerade in den USA in den letzten Jahren zum Etikett für die marktgerechte Ansprache bestimmter Publikumssegmente verkommen ist. Andererseits hat sich das innovative Filmemachen in Regionen wie Südostasien verschoben, die beim Independent Festival nicht auftauchen.

Aber Vorfreude ist auch eine Freude: Unter den Previews auf die herbstlichen Filmstarts findet sich eine hübsche Hommage auf Jeanne Moreau: „Heißes Pflaster“ (die deutschen Fassung von „Peau de Banane“) ist eine frühe Komödie des späteren Dokumentarfilmers Marcel Ophüls, in der neben Belmondo auch Gert Fröbe mitspielt. Bei den Vorfilmen, die jedes Programm begleiten, sei auf ein besonderes Schmankerl hingewiesen. „Au bout du monde“ von Konstantin Bronzit ist nur acht Minuten lang, in denen geht aber gründlich die Post ab. Der Film zeigt mit perfektem Timing, wie schnell auch die schönste Idylle aus dem Gleichgewicht geraten kann: Ein Haus auf der Spitze eines Berges gerät ins Wanken – und die Welt aus den Fugen. Früher dachte man da an Gorbatschow, heute an Al Gore.

Filmkunst 66, Bleibtreustr. 12, bis 6. August, Karten: www.filmkunst66.de

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