Unterwegs : Jan Krügers Rückenwind

Am Anfang steht eine Fabel, dazu kommt eine Sage und am Ende wird alles zum Gruselmärchen. Jan Krügers „Rückenwind“ ist ein magischer Film.

André Weikard

Da ziehen Johann und Robin aus, um mit ihren Fahrrädern die Wälder Brandenburgs zu erkunden. Landkarten werden entfaltet und wieder zusammengelegt. Das Paar putzt sich am See die Zähne oder küsst sich auf einer Autobahnbrücke. Ursprünglich sollte der Film ganz ohne Dialoge auskommen, nur mit einer Stimme aus dem Off. Auch wenn schlussendlich doch geredet wird, bleibt es meist still. Wo nicht die oft unglückliche Musikuntermalung einspringt, gehört die Tonspur den Nebengeräuschen. Vögel zwitschern, Frösche quaken, Blätter rauschen. Zuweilen sieht man den beiden minutenlang zu, wie sie über einen See paddeln. Das zum Prinzip erhobene Mittel der Verlangsamung erzeugt allerdings häufiger Langeweile als Spannung. Die Langsamkeit haben andere glaubwürdiger entdeckt.

Die geplante Radtour wird zum abenteuerlichen Trip, als Johann von mysteriösen Graubeeren isst, Schweißausbrüche bekommt und halluziniert. Zeltstangen und Fahrräder verschwinden. Manche Szenen werden mit einer fuchtelnden Kamera aufgenommen, die an „Blair Witch Project“ erinnert. Den entscheidenden Impuls bekommt „Rückenwind“ durch eine Sage, die von erfolglosen Fallenstellern und getöteten Schwänen erzählt. Das Roadmovie ohne Straße, das sich auf Waldwegen und in Seenähe abspielt, nimmt die Züge eines Psychodramas an. Es geht um eine Beziehung, in der einer mit dem anderen spielt und in deren Verlauf einer zum Opfer werden muss.

Doch Regisseur Jan Krüger ist mit seiner Verrätselung zu weit gegangen. Dass die Graubeere schon im 19. Jahrhundert in Deutschland ausgestorben ist und vorher für ihre halluzinogene Wirkung und als Potenzmittel bekannt war, muss der Zuschauer wissen, der Film verrät es ihm nicht. Die viele Nacktheit erklärt nichts und wirkt lustlos, eine Liebesszene gerät beinahe zur Vergewaltigung. Einen „experimentellen erotischen Essay“ hatte der Regisseur sich vorgenommen. Aber die 75 Minuten, für einen Langfilm zu kurz, werden sehr lang. Auf dem Weg zum starken Schluss wird der Film die meisten Zuschauer frustriert haben.

Babylon Mitte, Xenon

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