Verfilmung : Von Tramitz bis Ferch: "Jerry Cotton" als Ulk

Nun wartet die wohl schwerste Herausforderung: Jerry Cotton muss sich durch die Niederungen des deutschen Gegenwartskinos kämpfen. Den Regiesessel teilt sich das seit „Neues vom Wixxer“ als Väter der Klamotte berüchtigte Duo Christian Boss & Philipp Stennert.

Bodo Mrozek

Eigentlich wollte Jerry Cotton auf dem Heimweg nur einen Kaffee bei den Jungs von der Spurensicherung schnorren. Schließlich hat er seit 48 Stunden nicht geschlafen. Doch der Tote (Moritz Bleibtreu), der da mit einem 38 Millimeter großen Loch in der Stirn in seinem auslaufenden Wasserbett liegt, ist nicht irgendeine New Yorker Leiche. Es ist Sammy Serrano, der Puppenspieler. Über Manhattan dämmert ein grauer Morgen. Und Jerry Cotton ahnt, dass er auch heute keinen Schlaf finden wird. Wie immer wird er recht behalten.

Kaum einer kennt sich mit Mord und Totschlag so gut aus wie Jerry Cotton. Seit Ewigkeiten ist er dem Bösen auf der Spur. Erfunden hatte den Government-Man, kurz: G-Man, 1958 ein anonymer Autor der Groschenroman-Reihe „Bastei Kriminalromane“ aus BergischGladbach. Mehr als 100 Autoren schrieben seitdem die Abenteuer des lakonischen Ich-Erzählers. Rund 2700 Romane gehen auf sein Konto. Geschätzte Auflage weltweit: eine Milliarde Exemplare.

Nun wartet die wohl schwerste Herausforderung: Jerry Cotton muss sich durch die Niederungen des deutschen Gegenwartskinos kämpfen. Den Regiesessel teilt sich das seit „Neues vom Wixxer“ als Väter der Klamotte berüchtigte Duo Christian Boss & Philipp Stennert. Anders als in früheren Kinoabenteuern wie „Tod im roten Jaguar“ agiert der FBIMann, hervorragend besetzt mit einem zerknittert dreinschauenden Christian Tramitz, zwar nicht vor der Skyline des Berliner Märkischen Viertels, sondern an Originalschauplätzen. Dafür muss er etwa in einem Nachtclub in der Bronx dem nackten Grauen in die Augen schauen: Heino Ferch droht mit der Todeskralle. Und auch Christian Ulmen ist keine echte Hilfe: Er gibt den Sidekick Phil Decker als vertrottelten Gutmenschen. Christiane Paul als Ex-Partnerin dagegen hätte das Zeug, Fall und Film zu retten. In der Rolle der gefühlskalten Karrieristin bringt sie mit gezielten Schlägen selbst hartgekochte Machos zum Weinen. Wobei die überdrehte Story sich als Maschinengewehrfeuer aus Gags entlädt und leider auch das Genre der Detective Novel auf der Strecke bleibt.

Dem unter akutem Leserschwund leidenden Romanhelden hat Bastei-Lübbe zuletzt eine radikale Modernisierungskur verordnet. Die Heftchen handelten zunehmend von den globalen Konflikten des 21. Jahrhunderts und der Ermittler war auch schon mal im Out-of area-Einsatz in Nahost. Hier hätte auch die Chance für das Leinwand-Remake gelegen. Der FBI-Mann aus Bergisch Gladbach kann vielleicht kein deutscher Jack Bauer werden. Der einzige echte deutsche Hard-boiled-Held hätte aber in einen deutschen Film Noir gehört. Eine überdrehte Blödelkomödie à la „Schuh des Manitu“ hat der alte Haudegen nicht verdient. Bodo Mrozek

In 17 Berliner Kinos

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