Volksbühne : Der Mann, der an der Rampe wohnt

Ewig Hamlet: Herbert Fritsch stellt an der Volksbühne seinen "Elf Onkel"-Film vor.

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Fritsch
Hier nur in dreifacher Ausführung. Herbert Fritsch als Zeremonienmeister in seinem Hamlet-Dreh "Elf Onkel". -Foto: Hamlet-X, Volksbühne

Das sind aber wirklich sehr böse Onkels, und sie treten auch gleich in Fußballmanschaftsstärke auf. Elf gegen einen. Prinz Hamlet hat es mit einer erdrückenden Übermacht zu tun, denn der elffache Onkel, der Mörder seines Vaters und neuer Gatte seiner Mama, ist auch noch der Regisseur. Und Hauptdarsteller dieser abgedrehten Chose sowieso.

Herbert Fritsch kehrt an die Volksbühne zurück, den Ort seiner ruhmreichen Untaten. Er war Frank Castorfs Buster Keaton, Action-Held, Clownsphilosoph, eleganter Strizzi und Stuntman in eigener Sache, damals, als die Volksbühne Jahr für Jahr die Champions League gewann mit ihrem galaktischen Ensemble. Henry Hübchen, Martin Wuttke, Milan Peschel, Bernhard Schütz – und bei den Frauen Sophie Rois, Kathrin Angerer und wie sie alle hießen: alle weg. Beim Fernsehen, im Kino, auf anderen Bühnen. Fritsch inszeniert jetzt in Oberhausen, Halle und Leipzig, und er hat einen Film gemacht. „Elf Onkel“, eine Koproduktion mit dem ZDF-Theaterkanal. Fritschs Hamlet-Obsession in Spielfilmlänge, nachdem er früher schon im Dutzend seine „Hamlet X“-Clips auf DVD herausgebracht hat. Hamlet, das ist für den 59-Jährigen ein Universalgefäß, ein Fass ohne Boden, dem er mit nie nachlassender Lust die Krone ins Gesicht schlägt – so wie die Volksbühne früher als scheinbar unerschöpfliches theaterterroristisches Biotop funktionierte.

Ja, dieses verdammte Früher. Es steht am Ende aller Bühnenmärchen, und man will sich auch gar nicht von dem Phantomschmerz lösen, wenn „der Herbert“ da plötzlich wieder auf der großen Volks-Bühne steht und sein „Elf Onkel“Filmteam vorstellt. So richtig ist er also doch nicht an den Rosa-Luxemburg-Platz zurückgekehrt, doch die Filmbühnen-Premiere beschert ihm ein volles Haus, die unbequemen Seesäcke sind mit Fans und Freunden belegt, und ein Hauch von alter Anarchie weht durchs Haus.

Es ist nicht allein der Name. Herbert Fritschs Onkel-Orgie hat etwas Achternbuschiges, Saukomisches, Aufrührerisches, wobei sich gar nicht so einfach sagen lässt, gegen wen oder was da geholzt, geblödelt und gezaubert wird. Vielleicht gegen den allgemeinen Ernst der Theaterwelt und die weit verbreitete gepflegte Langeweile. Denn natürlich handelt es sich bei „Elf Onkel“ um ein Theaterkino, schließlich hat auch Castorf damals seine „Dämonen“ verfilmt. Als bloße Bühne war sich die Volksbühne selbst nie genug, und Herbert Fritsch kann seine Prägung von 17 Volksbühnenjahren nicht leugnen. Einmal Castorf, immer Castorf, wobei das Castorfische immer auch nur die Summe der schauspielerischen Potenzen war.

In der ersten Szene erlebt man Dimiter Gotscheff, den so sensiblen Regisseur, als schmierigen Schlägertypen, er nimmt seinen Gegner Adolfo Assor auf einem Dachboden krachend auseinander. Gotscheff spielt den Hamlet-Vater, um den es offenbar nicht schade ist. Alexander Khuon in der Prinzenrolle mimt das begabte Kind, er grinst viel, es ist halt alles halb so wild – oder wild nur im Spiel mit dem Entsetzen. In sieben Tagen und Nächten haben sie das Onkel-Ding auf einem Brandenburger Wassergrundstück heruntergedreht, nach einem Drehbuch von Herbert Fritsch und Sabrina Zwach, aber was heißt schon Buch?! Es flirrt und flackert auf der Leinwand, Hamlets Wahnsinn hat auf alle Akteure übergegriffen. Das Moormädchen (Ophelia?) von Mira Partecke lächelt versonnen, Gitta Schweighöfer, die Hamlet-Mama, schweigt viel, in einem wüsten Gelage nimmt der Prinz drei Königstöchter zur Frau (Jule Böwe, Yvon Jansen, Henrike von Kuick), und ein Afrikaner namens Komi rudert übern See und sucht das europäische Ufer zu erreichen.

Und Fritsch? Ist überall, einfach, dreifach, elffach, Klon seiner selbst, sieht irgendwie aus wie Rudi Völler im Labor von Dr. Jekyll und macht gute Laune. Allgemeine Fäulnis, aber weit und breit kein Staat, kein Schlussgemetzel wie bei Shakespeare und für den Herbert doch noch eine Art Happy End: so aufgekratzt und glücklich, wie er nachher an der Rampe herumtigert, in seinem alten Wohnzimmer.

Am 25., 28., 29. und 31. März sowie am 2. April läuft „Elf Onkel“ im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz.

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