Wende-Film : Verrat ist der Preis

"Im nächsten Leben": Marco Mittelstaedts Abrechnung mit einem Wendegewinner – seinem Vater.

Kerstin Decker
Selge
Vater Kerber (Edgar Selge) und Tochter (Anja Schneider) haben noch eine Rechnung offen. -Foto: NFP

Nur das Grab der Mutter hält Vater und Tochter noch zusammen. Und so nah beieinander spüren sie den Graben zwischen sich nur noch deutlicher. Ein Flugzeug stört die Ruhe des Friedhofs – niemand entflieht dem Alltag einer Großstadt, nicht einmal die Toten. Und eigentlich ist dieser Wolfgang Kerber (großartig: Edgar Selge) dankbar für die Störung, zu unbehaglich ist es ihm, neben dem eigenen Kind an diesem Grab.

Immer wieder gelingen Marco Mittelstaedt Szenen von großer Verdichtung, gemacht aus lauter Alltäglichkeit und diese mühelos übersteigend. Die Nebengeräusche des Lebens sind nicht weggefiltert. Und die große Bedeutungsstifterin Filmmusik verweigert (fast) jeden Kommentar, jede Rechtfertigung, jeden Trost.

„Im nächsten Leben“ ist Marco Mittelstaedts dritter Film nach „Jena Paradies“ von 2004 und „Elbe“ von 2006. Dieser smarte Fotoreporter Wolfgang Kerber, der da am Grab seiner Frau steht, ist einer, dem es immer höchste Tugend war, dem Leben auf Augenhöhe zu begegnen, ihm gewachsen zu sein. Seine Frau war es offenbar nicht, sonst wäre sie nicht so früh an diesen unstillen Ort gewechselt. Und in der schon nachsichtig gewordenen Verachtung der Tochter (Anja Schneider), die neben ihrem Vater auf dem Friedhof steht – verrät sich darin gar etwas von der Ablehnung des real existierenden Sohnes Marco Mittelstaedt?

Im Herbst 1989 war der Regisseur siebzehn Jahre alt, sein Vater war Cheffotograf der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Nach einer kurzen Erstarrungspause wusste der Cheffotograf genau, was zu tun war. Der Erfolgsmensch, der Realist in ihm wusste es: Bald wird allen die Realität unter den Füßen weggezogen sein, ist es nicht die Pflicht eines Realisten, schneller zu sein als diese? Also nicht abwarten, bis es ADN nicht mehr gibt, sondern kündigen und – Polizeireporter bei Deutschlands größter Boulevardzeitung werden. Der Sohn verstand die Welt nicht mehr. Ist ein Vater nicht für jedes Kind eine Verkörperung der Welt? So schnell kann man Welten also wechseln.

Siebzehn Jahre, das ist ein unmenschliches Alter. Nie wieder wird der Mensch so hochmoralisch, so unnachsichtig sein, so idealfühlig, so kompromisslos-hellsichtig gegen die Erwachsenenwelt. Diesen jeder realen Entwicklung vorauseilenden Schritt des Vaters in die neuen Wirklichkeiten, die für Menschen wie ihn doch bis eben Gegen-Wirklichkeiten waren, wird Sohn Marco lange nicht verzeihen. Oder soll man sagen: Er wird den väterlichen Realismus, dessen Pragmatismus nicht verzeihen?

Filme, die aus Ablehnung gemacht sind, sind selten gut. Dieser ist gut. Denn er besteht aus lauter Doppeldeutigkeiten. Es ist das tief menschliche Porträt eines Mannes geworden, der mit Mitte fünfzig verzweifelt versucht, nicht den Anschluss an das Leben zu verlieren. Das heißt vor allem: die neueste Technik bedienen zu können. Also die Fotos von unterwegs so zu senden, dass sie nicht als Datensalat in der Redaktion ankommen. Aber heißt Anschluss ans Leben nicht auch, endlich einzusehen, dass man nach der Schreckensgeschichte Ost nicht die Wie-es-besser-wurde-Geschichte schreiben kann? Weil die nämlich keinen interessiert, weiß Wolfgang Kerbers junger Chefredakteur. Er sagt das nicht aus Zynismus, er ist ein treuer Diener seiner Leser. Dass beides manchmal auf dasselbe herauskommt, ist die Lektion, die selbst der so wendige Wolfgang Kerber noch nicht ganz gelernt hat.

„Im nächsten Leben“ ist zugleich ein Porträt des zeitgenössischen Journalismus geworden – kein sehr schmeichelhaftes. Wenn dieser Kerber nicht bald eine richtig gute Ost-Geschichte liefert, sieht es schlecht aus für ihn. Der großartige Edgar Selge spielt den langsamen Absturz eines Hochenergetikers, die erste Angst eines Menschen, der noch nie Angst hatte, die erste Unsicherheit des Selbstgewissen. Bis hin zum Selbstverrat. Oder nein, bis zum letzten Schritt vor diesem Verrat. Der Preis, ihn nicht zu begehen: eine Selbstbegegnung.

Cinema Paris, Kino in der Kulturbrauerei, Passage

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