Kino : Wer sich duckt

Jan Bonnys Debüt „Gegenüber“ schildert häusliche Gewalt, wie man sie selten sieht

Christina Tilmann

Das ist die Technik der Deeskalation: sich ruhig halten, beschwichtigen und auf keinen Fall zurückschlagen. Georg (Matthias Brandt) ist Polizist, ein erfahrener Polizist, und Deeskalation beherrscht er perfekt. Hat gerade erst einen Kollegen gerettet, aus den Händen eines Betrunkenen, unter Lebensgefahr. Und wehrt das Lob, die Heldenrolle ab: alles ganz normal, war doch Routine.

Georgs ganzes Leben ist Routine. Die Ehe mit der attraktiven Grundschullehrerin Anne (Victoria Trauttmannsdorff) ist Routine, wenn er ihr auch immer noch Blumen mitbringt und Schoko-Osterhasen im Briefkasten versteckt. Das sonntägliche Essen mit den beiden Kindern, die längst zum Studium aus dem Haus sind: Routine. Ebenso, dass es dabei immer zum Streit kommt und die Kinder bedrückt das Haus verlassen – oder fliehen sie regelrecht im Wissen um das, was folgt? Denn Routine ist auch, dass die häusliche Situation zwischen Georg und Anne regelmäßig eskaliert in Gewalt: Anne schlägt ihren Mann.

Ein hässliches Thema. Der 28-jährige Regisseur Jan Bonny zeigt es in seinem in Cannes und München bejubelten und nun auch für den Europäischen Filmpreis nominierten Spielfilmdebüt „Gegenüber“ in aller kompromisslosen Härte. Die klaustrophobisch engen Räume der Wohnung, in der Georg und Anne sich bewegen, sind wie eine Falle, immer scheinen die beiden sich in einer Ecke zu fangen, und die Kamera geht nie auf Abstand, bleibt schmerzhaft dicht dran. Sie bekommt etwas Unausweichbares, diese Gewalt, und Georg, gefangen in der Haushaltshölle, kann sich nur ducken und nachher im Spiegel die Wunden betrachten. Nein, Deeskalation ist definitiv die falsche Strategie.

Die hysterischen, ziellosen, sich von Püffen über Tritte bis zu harten Schlägen steigernden Angriffe von Anne sind: Hilflosigkeitszeichen. Hilferufe. Reagiere. Schlag zurück. Tu irgendwas. Diese Anne, so zerbrechlich, unsicher und unbeherrscht, ist wie eine Tretmine, berührt man sie, geht sie in die Luft.

Victoria Trauttmannsdorf mit ihrer fragilen Schönheit und nervösen Angespanntheit ist eine Idealbesetzung, ebenso wie Matthias Brandt mit seiner verdruckst gutmütigen Ruhe und bärigen Tapsigkeit. Denn Georgs fast aggressive Passivität, dieses beständige Sichducken ist auch eine Flucht, ein Rückzug in die Unerreichbarkeit. Und all die bewährten Hilfsmittel, das Glas Rotwein, die Kerzen, die Blumen, sind nur der hilflose Versuch, Normalität zu behaupten, nicht nur nach außen, sondern vor allem vor sich selbst.

Doch das eigentlich Schreckliche an Bonnys Film ist, dass es zwischen den beiden durchaus Momente der Zärtlichkeit gibt. Gerade die Liebe und das Gefühl, einander schonen zu wollen, erweisen sich als unheilvoll, weil sie die beiden stumm aneinanderbinden und verhindern, dass Dinge geklärt werden, die geklärt werden müssen. Die Diagnose, die Bonny dieser Ehe stellt und durch die Gewaltexzesse nur akzentuiert, gilt in Abstufungen für viele Beziehungen, in denen Schonung bloß Bequemlichkeit und Angst vor Konsequenzen heißt. Gewalt fängt schon viel früher an, schon lange vor dem ersten Schlag. Christina Tilmann

In Berlin nur im Babylon

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