Wettbewerb : Dem Krieg kannst du nicht entkommen

Kriegsfilm ohne Front: Oren Movermans „The Messenger“ zeigt zwei Soldaten, die Todesmeldungen überbringen.

Christian Schröder
Messenger
Schlechte Nachrichten überbringen Woody Harrelson und Ben Foster in "The Messenger". -Foto: Berlinale

Manchmal müssen sie gar nichts sagen. Ihre makellosen Uniformen, die lächerlichen, pedantisch über den Haaransatz hinabgezogenen Barette und die in einem Ausdruck von anteilnehmender Ernsthaftigkeit erstarrten Gesichter reichen aus, damit jeder weiß, wer sie sind: Todesengel. Einer von ihnen fragt: „Sind Sie...?“ Und dann, wenn der Angesprochene nickt, fährt er fort, jede Silbe sonor und mit größtmöglicher Betroffenheit aufsagend: „Der Verteidigungsminister hat mich gebeten, Ihnen sein Mitleid auszusprechen. Ihr Mann / Ihr Sohn / Ihre Tochter ist gestern bei einem Kampfeinsatz im Irak ums Leben gekommen.“

Ben Foster ist „The Messenger“, er spielt den Gefreiten Will Montgomery, der selber einen Einsatz im Irak hinter sich hat, verwundet wurde und nach seiner Entlassung aus dem Lazarett für die letzten drei Monate seines Militärdienstes zu einem neuen Einsatz abkommandiert wird, „dem wertvollsten Dienst, den Sie für Ihr Land leisten können“, wie der Vorgesetzte sagt. Zusammen mit Woody Harrelson als seinem Captain fährt er in einem silbernen Mittelklassewagen durch amerikanisches Hinterland, um Eltern, Ehepartner, Familien vom Tod ihrer Angehörigen zu informieren. Sie müssen schnell sein, schneller als CNN, Fox News oder die Email eines Kameraden, sie sollten nicht zu früh am Morgen vor einer Haustür stehen, Euphemismen wie „Ihr Mann ist von uns gegangen“ sind zu vermeiden, jeglicher Körperkontakt, ganz zu schweigen von einer Umarmung, ist verpönt. Man ist bei der Armee, nicht bei einem Baseballverein. So sind die Regeln. „Wir gehen da rein und wieder raus“, sagt Captain Stone, der jeden Auftrag wie einen Kriegseinsatz abwickeln möchte.

„The Messenger“, der beeindruckende Wettbewerbsbeitrag des in Tel Aviv geborenen und heute in New York lebenden Regisseurs Oren Moverman, gehört zu einer neuen Generation amerikanischer Kriegsfilme, die nicht mehr an der Front spielen, sondern ihr Drama in der Heimat finden, bei den Dagebliebenen und den Rückkehrern. „Im Tal von Elah“ war so ein Film, da machte sich Tommy Lee Jones auf die Suche nach seinem aus dem Irak in eine Kaserne zurückgekehrten und verschollenen Sohn. „The Messenger“, mit dem der Drehbuchautor („Married Life“, „I’m Not There“) Moverman sein Regiedebüt gibt, wirkt ähnlich düster, er zeigt, dass Soldaten manchmal dem Krieg nicht mehr entkommen, nicht mal die Liebe funktioniert als Flucht.

Ben Foster trägt ein „Bad Motherfucker“-Tattoo auf dem Oberarm, er hört Heavy Metal und als ihn seine Freundin über ihre bevorstehende Verlobung mit einem anderen unterrichtet, schlägt er mit der bloßen Faust ein Loch in die Wand. Der Krieg hat ihn traumatisiert, er zieht sich hinter eine Sonnenbrille zurück und hat seine Seele verpanzert. Woody Harrelson, der seine Sätze im rollenden Südstaaten-Slang zerkaut, gibt sich noch abgebrühter. Seitdem er nicht mehr trinkt, kann er nachts nicht mehr schlafen.

Moverman zeigt, wie diese beiden Männer, die sich zu Kampfmaschinen stilisiert haben, einander näherkommen, wie sie miteinander streiten, umeinander werben, schließlich einen immer alberner werdenden Angelausflug unternehmen. Und natürlich kommt eine Frau ins Spiel, eine Soldatenfrau (Samantha Morton), die gerade Wäsche vor ihrem Haus aufhängt, als Foster ihr sagt, dass ihr Mann nicht mehr aus dem Krieg heimkehren wird. Die Sonne scheint dabei, der ganze Film ist sonnendurchflutet.

Foster setzt der Frau nach, er fährt sie und ihren kleinen Sohn vom Einkauf nach Hause, repariert das Auto. Irgendwann stehen sie in ihrer Küche, sie brauchen keine Musik, um zu tanzen, er küsst sie auf die Stirn und sie sagt: „Ich kann nicht.“ Zwei verlorene Seelen auf der Suche nach Erlösung. Ihr Mann war durch eine Sprengladung getötet worden. Auf seinem Sarg klebte der Hinweis, dass er nicht geöffnet werden solle.

10. 2., 15 (Friedrichstadtpalast) und 20 Uhr (Urania); 15. Februar um 22.30 Uhr (Berlinale-Palast)

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