Kino : Wie bewegte Bilder Zuschauer bewegen

Im Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ untersuchen Filmwissenschaftler am Beispiel von Kriegsfilmen das Zusammenspiel von Bewegung auf der Leinwand und Emotionen des Zuschauers.

Sabrina Wendling
Angst im Blick: Wie werden bei Zuschauern Emotionen geweckt? Szene aus dem amerikanisch-kanadischen Film „Redacted“, in dem sich der Regisseur Brian de Palma auf einen Vorfall im Irak-Krieg bezieht.Foto: Magnolia Pictures
Angst im Blick: Wie werden bei Zuschauern Emotionen geweckt? Szene aus dem amerikanisch-kanadischen Film „Redacted“, in dem sich...

Gerade haben die Soldaten einen Kameraden beerdigt. Ein schwarzes Gewehr mit Soldatenhelm ragt wie ein Mahnmal aus einem Sandhügel irgendwo in der Sahara empor. Die Wüste zeigt sich von ihrer ungemütlichen Seite: Sandstürme ziehen auf, und am fernen Horizont kämpft sich ein winzig wirkender Panzer durch die Weiten der Wüste. Schnitt. Dann schwenkt die Kamera ins Innere des Panzers: Es wird nicht gesprochen, die Soldaten schauen mit ausdruckslosen Mienen geradeaus. Dazwischen immer wieder vom Winde verwehte Sandkörner und schwermütige Musik. Und Humphrey Bogart in sandfarbener Uniform als Sympathieträger.

In Kriegsfilmen wie „Sahara“ wird es nicht dem Zuschauer allein überlassen, mit wem er leidet und wen er fürchtet, wer Freund ist und wer Feind. Doch durch welche filmischen Gestaltungselemente werden bestimmte Emotionen beim Zuschauer hervorgerufen? Dies untersucht die Projektgruppe „Affektmobilisierung und mediale Kriegsinszenierung“ im Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ an der Freien Universität.

Mehr als 30 Kriegsfilme der Marke Hollywood haben sich die Projektmitarbeiter angeschaut, von den 1940er Jahren bis hin zu aktuellen Filmen: angefangen bei „Gung Ho!“, „Bataan“ und „Sahara“, alle aus dem Jahr 1943 und mit dem Zweiten Weltkrieg als Thema, bis hin zu „Jarhead“ und „Redacted“, welche die Golfkriege 1990/91 und 2003 zum Thema haben und erst nach der Jahrtausendwende gedreht wurden. Bis zu 20 Mal haben sich die Filmwissenschaftler einige Szenen angesehen. Dennoch wurden sie in ihren Träumen nicht von Panzern, Gewehren und Gefallenen verfolgt, denn ihr Blick ist rein analytisch: „Wir interessieren uns nicht so sehr für die Botschaft der Kriegsfilme, sondern wir haben ein Instrument entwickelt, mit dem sich dieses Genre in Affektbereiche und Stereotypen kategorisieren lässt“, sagt Projektmitarbeiterin Anna Steininger.

Affektbereiche, das sind zum Beispiel Trauer, Zorn und Angst – Gefühle, die beim Zuschauer geweckt werden. Stereotype sind nach dem Modell der Filmwissenschaftler Handlungsgefüge, die sie in fast allen Filmen wiedergefunden haben, etwa Kampf und Technologie, der Abschied von der Ehefrau und der Aufbruch in den Krieg, das Erleben von Leid und Opfer – klassische Szenen, die beim Zuschauer bestimmte Emotionen wecken sollen. Unter Leitung des Filmwissenschaftlers Professor Hermann Kappelhoff wurde für dieses Zusammenspiel zwischen akustischen und visuellen Bewegtbildern mit dem Empfinden des Zuschauers der Begriff „Ausdrucksbewegung“ etabliert – ein Konzept, das Psychologie, Anthropologie und Kunstwissenschaften miteinander verbindet. Was im Film inszeniert wird, wird vom Zuschauer unmittelbar empfunden. Diese Empfindung findet auf einer zeitlichen Ebene statt, durch wechselnde Bilder, Schnitte und Kameraeinstellungen. Wie ein Musikstück sind die Filme durchkomponiert – diese komplexe Konstruktion methodisch zu durchdringen, haben sich die Wissenschaftler zur Aufgabe gemacht. Zunächst haben sich jeweils drei Mitarbeiter einen Film angeschaut und ihn nach einem einheitlichen Leitfaden in verschiedene Szenen und Zeiteinheiten untergliedert, sogenannte Standardszenen. „In diesen Protokollen hat die Zuordnung zu den verschiedenen Szenenkategorien durchschnittlich zu 80 Prozent übereingestimmt“, sagt Steininger. In eigens dafür entwickelte Diagramme werden Stereotypen und Affektbereiche eingetragen – so wird auf einen Blick ersichtlich, zu welcher Zeit sich welches stereotype Thema mit welcher Emotion der Zuschauer überlagert. Anschließend werden die Filme in Einheiten von manchmal nur wenigen Minuten aufgegliedert und die Ausdrucksbewegungen nach festgelegten Kriterien analysiert und beschrieben.

„Mit dieser Methode lässt sich nicht nur das Genre Kriegsfilm analysieren. Unsere Methodik ist vielmehr auf alle Filmgattungen anwendbar“, sagt Hermann Kappelhoff, „wir haben ein filmanalytisches Modell entwickelt, mit dem die Filme als Wahrnehmungs- und Empfindungsbewegung des Zuschauers ergründet und beschrieben werden können.“ Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten, Szenenbeschreibungen und Diagramme stehen zusammen mit Filmausschnitten in einer im Internet zugänglichen Forschungsdatenbank zur Verfügung. Inzwischen widmen sich die Wissenschaftler bereits einem neuen Projekt, dieses Mal geht es um den Vergleich der Genrefilme mit Kriegsberichterstattung in verschiedenen Medienformaten, angefangen bei meisterhaften – aber propagandistischen – Dokumentationen Leni Riefenstahls im Auftrag der Nationalsozialisten bis hin zu Youtube-Videos aus dem Irak-Krieg.

Im Internet

www.empirischemedienaesthetik.fu-berlin.de

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