Willy Sommerfeld : ''Ihr Mann spielt Klavier, und das Publikum weint“

Eine Kinolegende: Zum Tod des Berliner Stummfilmpianisten Willy Sommerfeld, der 103 Jahre alt wurde.

Andreas Conrad

Das Publikum lachte, immer an der gleichen Stelle. Das lag nicht an ihm, dem Pianisten, aber es hat ihn geärgert, wenn zur ersten Begegnung von Freder und Maria, einer Schlüsselszene in Fritz Langs „Metropolis“, ein Kichern, Glucksen, Prusten durchs Freiluftkino in der Hasenheide lief. Was war an dieser Liebe so komisch? Aber er wusste Rat: Beethoven. Immer an der gleichen Stelle. Da lachte niemand mehr.

Man musste Willy Sommerfeld nur reden lassen, dann entströmten ihm solche Anekdoten in schneller Folge. Denn wenngleich er als Stummfilmpianist zu hohen Ehren gekommen war, verpflichtet einer Kunst, in der das Bild fast alles, der Ton sehr viel, das Wort aber fast nichts bedeutete, so war er doch ein unterhaltsamer, ebenso korrekter wie liebenswürdiger Plauderer, zudem einer, dem die Herzen schon zuflogen, bevor er nur den ersten Ton gespielt hatte – und danach erst recht.

Zum Beispiel an jenem Abend im alten Arsenal-Kino in der Welserstraße in Schöneberg, Spielstätte der Freunde der Deutschen Kinemathek und ein Pilgerort der Cineasten im alten West-Berlin. Als Willy, schon damals hochbetagt, um zwei Uhr nachts immer noch nicht zu Hause war, rief seine Frau Doris, die ihn „Väterchen“ nannte, besorgt dort an. Man hat sie rasch beruhigt: „Ihr Mann spielt Klavier, und das Publikum weint.“

Nicht weit entfernt, in einem kleinen Kino am Wittenbergplatz, hatte Sommerfeld in den zwanziger Jahren seine Laufbahn als Stummfilmmusiker begonnen – mit der Violine, als Begleiter eines Klavierspielers. Den gebürtigen Danziger hatte es zum Musikstudium in die alte Reichshauptstadt gezogen, die Kinoarbeit sollte nur dem Broterwerb dienen, nichts, worauf er damals sonderlich stolz gewesen wäre. Dass er sich damit die Berechtigung erspielte, Jahrzehnte später als ältester Stummfilmmusiker Deutschlands gefeiert zu werden, konnte er ja nicht ahnen.

Ohnehin war es mit dem Leben vor der Leinwand bald wieder vorbei: Erst sparte der Kinobetreiber den Pianisten ein, und der Geiger Sommerfeld, der nie Klavierunterricht hatte, musste plötzlich umsatteln und auf dem Schemel Platz nehmen. Dann war es mit dem Stummfilm ganz aus, die Bilder hatten sprechen gelernt. Für viele seiner Kollegen bedeutetete das die Arbeitslosigkeit. Ein Tausendsassa wie Sommerfeld aber, der noch eine Zukunft als Liederkomponist, Hörspiel- und Dokumentarfilmvertoner, Theatermusikschreiber und Kapellmeister vor sich hatte, wusste sich bald zu helfen. Braunschweig hieß sein nächstes Ziel, wo er sich am Theater als Kapellmeister bewarb – vorerst ohne Gehalt. Da er mühelos von einem Instrument zum nächsten wechseln konnte, wurde er bald zum unverzichtbaren Lückenbüßer, wenn mal wieder ein Musiker ausfiel. Irgendwann zahlte sich das aus, und er bekam fürs Dirigieren endlich Geld – bis Adolf Hitler ans Ruder kam und Willy Sommerfeld den obligatorischen Hitlergruß zum Konzertende für entbehrlich hielt. Da war er den Dirigentenstab schnell wieder los.

Der Einberufung entzog er sich durch fluchtartiges Verlassen der Wohnung: „Empfänger unbekannt verzogen“. Beim Revueorchester der „Scala“ schlüpfte er unter, ging auf Wehrmachtstournee, alles ohne Ausweis. Denn als Danzig „heim ins Reich“ gekommen war, hatte er sich nicht einbürgern lassen.

Die zweite Laufbahn als Stummfilmmusiker begann 1972. Sommerfeld, nunmehr offiziell im Ruhestand, bot eines Tages dem Arsenal-Kino seine Dienste an: Man zeige doch oft Stummfilme, die eigentlich musikalisch begleitet werden müssten, er stehe zur Verfügung. Was nun folgte, war „eine Kette von Sternstunden“ des Stummfilms, wie Ulrich Gregor, langjähriger Leiter des Berlinale-Forums, auf dem Filmfestival 2004 rühmte. Anlass war die Ehrung Sommerfelds mit der Berlinale-Kamera. Den Bundesfilmpreis hatte er bereits neun Jahre zuvor erhalten, das Bundesverdienstkreuz folgte 2006. Damals kam auch eine Dokumentation über ihn ins Kino: „The Sounds of Silents – Der Stummfilmpianist“ von Ilona Ziok.

Einzigartig sei Sommerfeld gewesen, „voller Humor und voller Esprit“, so rühmte Gregors Tochter Milena den Musiker, der, wie erst gestern bekannt wurde, am 19. Dezember im Alter von 103 Jahren in Berlin gestorben ist. Wer den Mann am Klavier noch selbst erlebt hat, wird Milena Gregors Urteil wehmütig bestätigen.

Die Filme vorher ansehen musste ein Improvisationsgenie wie Sommerfeld sich übrigens nicht. Nur wissen, ob es ein lustiger oder ein trauriger Film sein würde, dann ergab sich alles wie von selbst – und immer ohne Noten: „Die Noten gibt’s im Kopp.“

Nur einmal, da hat ihn doch ein mentaler Filmriss ereilt, da wusste er nicht weiter. Ausgerechnet als King Kong oben auf dem Empire State Building nach der weißen Frau greift. Ein Schrecken ohne Ende – und ohne Ton. Hinterher, so erzählte Sommerfeld gerne, kam ein Zuschauer zu ihm und gratulierte. Was ihm besonders gefallen hatte: das plötzliche Schweigen des Klaviers.

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