Woody-Allen-Film : Des Widerspenstigen Zähmung

Jeder Tropf findet seinen Deckel: "Whatever Works" – Woody Allen zelebriert die Harmonie.

Jan Schulz-Ojala
Whatever_Works
Trautes Heim. Boris (Larry David) und Melody (Evan Rachel Wood) -Foto: Senator Film

Das Woody Allen’sche Musenwesen ist neuerdings ziemlich durcheinandergeraten. Kaum hat der Altmeister der urbanen Beziehungsdramödie mit Naomi Watts „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ abgedreht, wird gemeldet, dass er für sein nächstes Projekt keinem Geringeren als dem französischen Präsidenten die Ehefrau Carla Bruni abspenstig macht. Dabei hatten Allen-Fans sich eben erst mit Vergnügen an Scarlett Johansson gewöhnt. Sie war die erste seiner Filmgefährtinnen, die es – nach seiner galligsten Phase Ende der neunziger Jahre – mit den legendären Frühmusen Diane Keaton und Mia Farrow aufnehmen konnte.

In diesem zauberhaften Zirkel dürfte Evan Rachel Wood, die in „Whatever Works“ das unbedarfte SüdstaatenBlondchen Melody spielt, allenfalls die Rolle einer Übergangsmuse zufallen. Auch im Film selbst bleibt sie, zwar mit zeitweiligen Verehelichungsfolgen, Episode im Leben des Physikers Boris Yellnikoff (Larry David): So charmant der Zusammenprall von IQ 200 und geschätztem IQ 80 sich auf der Leinwand auch ausnehmen mag, jedenfalls solange der aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgemusterte Misanthrop durch ein in ländlichen Model-Wettbewerben erfolgreiches Flatterwesen vermenschlicht wird – als haltbar erweist er sich nicht. Und so muss der Zuschauer nicht allzu lange warten, bis das Drehbuch zum allseitigen Segen das Dummchen an den erst- oder wenigstens zweitbesten Schönling entsorgt.

Dabei hat Boris Yellnikoff eine Muse bitter nötig. Denn der verrentete Quantenphysiker, der den Nobelpreis ebenso knapp verfehlt hat wie den Suizid nach einem lange zurückliegenden nächtlichen Ehekrach, ist ein wortwütiger Grantler vor dem Herrn. Seinen Weltenhass kotzt er in die Freundesrunde wie seine Publikumsbeschimpfungen direkt in die Kamera: Gute Nerven oder zumindest ein beträchtliches Gutmütigkeitsreservoir braucht, wer diesen Monstermiesmacher aushalten will. Boris funktioniert als dreifaches Alter Ego: für Woody Allen selbst, den die Figur als „extreme Übertreibung meiner Gefühle“ charakterisiert; für den Schauspieler Larry David, der den populären Quälgeist aus seiner HBO-Serie „Curb Your Enthusiasm“ bei Allen elegant fortspinnen kann; und schließlich wirkt David auch physischmimisch wie ein treffender WoodyWiedergänger. So viele Alter Egos – und alle bloß ein altes Ekel.

In die verkrachte Welt des wohl düstersten Woody-Allen-Helden seit „Deconstructing Harry“ (1997) platzt die Unschuld vom Lande. Ausgerissen aus ihrem bigotten Elternhaus, schlüpft Melody ausgerechnet bei dem dauerzornigen alten Mann mit den dauerkarierten kurzen Hosen und den dauerverwaschenen Sweatshirts unter und lässt sich – tja, wo die Liebe hinfällt – hingerissen als „Kretin“, geistige Null und menschgewordener Einzeller beschimpfen. Zum Ausgleich probiert sie, als wär’s ein neues Tank Top, ein bisschen Denkervokabular an. Aha: das gute, ziemlich alte Pygmalion-Ding, eine mitunter knatternde, auch zerknitternde „My Fair Lady“-Variation. Nicht neu, aber hübsch. Zumindest solange des Widerspenstigen Zähmung zart voranschreitet. Merke: Glück, so flatterhaft es die Menschenschicksale überzieht und wieder davon, macht wenigstens milde.

In der mühelos erklommenen Mitte des Geschehens, in dem ein Gleichgewicht der Kräfte und folglich nahezu schwereloser dramaturgischer Stillstand herrschen, hat „Whatever Works“ seine schönsten Momente: vor allem in den Augenblicken, als in Boris’ grundeinsamen, mit eisernen Meinungen allseits abgepanzerten Charakter mitunter das Lichtlein neuer Erfahrung dringt. Wäre das nicht genug der Beweiskraft für die Titel-Verheißung gewesen, der der deutsche Verleih ein peinsam illustratives „Liebe sich, wer kann“ angefügt hat?

Leider hat sich Woody Allen, der in „Whatever Works“ ein über 30 Jahre altes Drehbuch recycelte, für die Überdeutlichkeit entschieden. Also wird dem Zuschauer die immergrüne These, ein jeder möge nach seiner Fasson selig werden, sofern man damit anderen kein Leid zufüge, in wachsend boulevardtheaterhaftem Ambiente um die Ohren geblasen und in die Netzhaut gebrannt. Wofür die flotten Läuterungen allerlei neuen Personals stehen: Melodys Mutter, ein welker Kleinstadttrampel, verkuppelt das Töchterchen nach allen Regeln der Altbackenheit und reift in Windeseile zur New Yorker Society-Künstlerin – inklusive, oh là là, ménage à trois. Melodys Papa hingegen, ein Holzkopf von Waffennarr und seiner Alten eigentlich grundeifersüchtig nachgereist, erkennt am nächstbesten Tresen, dass er schon immer hätte schwul leben mögen.

Jeder Tropf findet seinen Deckel in „Whatever Works“, endlich auch Boris. Dass hierfür die dramaturgischen Unschärferelationen aufs Äußerste strapaziert werden – wen stört’s, sofern bald jede Szene so hurtig wie hartnäckig als Beleg für die Titelzeile dient? Reichlich altersmild kommt diese ruppig anhebende und dann doch reichlich benigne verlaufende Altherrenfantasie des 75-jährigen Regisseurs daher; selbst Oberkotzbrocken Boris versöhnt er mit der Welt, ohne ihm freilich das eitle Genius-Getue auszutreiben. Ach, altes Ego: Muss gleich schunkeln, wer sich die Lebensnöte austreiben will? Jenseits davon bleibt nicht viel von diesem 40. Woody-Allen-Film. Komisches Gefühl.

Ab Donnerstag im Capitol, Cinemaxx, Delphi, International, Kulturbrauerei, Titania und Yorck; OV Cinestar SonyCenter, OmU Hackesche Höfe und Odeon

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