''WWW'' : Die Versengten

„WWW - What a Wonderful World“ zeigt das archaische, moderne Marokko - und beschwört die Magie des Kinos.

Jens Müller

Casablanca, das weiße Haus. Es versteht sich, dass ein Film in der marokkanischen Küstenmetropole heute anders aussehen muss als im gleichnamigen Klassiker von 1942 – der ohnehin in kalifornischen Studiokulissen entstanden ist. Nur: Wie dann? Verschleierte Frauen, bärtige Männer und Muezzins, die von den Minaretten rufen? Faouzi Bensaidi zeigt in seinem zweiten Spielfilm „WWW – What a Wonderful World“ Elendsviertel und Shoppingmalls, überfüllte Busse und Internetcafés, gleißendes Sonnenlicht und kühl glimmende Neon-Reklamen. Sein Casablanca, berückend eingefangen von der Kamera Gordon Spooners, ist archaisch und modern, eine Stadt zwischen Afrika und Europa.

Vor allem: Die Casablancaner sind kein bisschen sexuell verklemmt. Exakt 500 007 der vier Millionen Einwohner haben sich in der Nacht sexuell betätigt, lässt Bensaidi den Zuschauer wissen. „Was ist, wenn sich herausstellt, dass er schlecht im Bett ist?“, fragt die Putzfrau Souad (Fatima Attif) ihre Freundin Kenza (Nezha Rahil). Sie meint den eiskalten Engel Kamel (Bensaidi selbst), einen Profikiller, der sich nach nichts als einem Telefongespräch in Kenza verliebt hat. Kenza ist nicht abgeneigt, muss aber als musisch begabte Polizistin auch noch den Verkehr Casablancas choreografieren. Der Computer-Nerd Hicham (Ed Mehdi Elaaroubi) wiederum, der nach Europa will, wird von skrupellosen Schleppern reingelegt.

Seine Geschichte zumindest kündet von der harten Realität – viel lieber aber beschwört Bensaidi die Magie des Kinos. Er springt zwischen kontrastierenden Genres, sampelt Film noir mit Komödie und setzt Bildideen in Szene: etwa wenn zwischengeschnittene Texttafeln die Ästhetik des Stummfilms zelebrieren. Oder wenn Kamel die Zigarette in Zeitlupe auf ein Porträtfoto seines Opfers fallen lässt, das glühende Ende genau auf die Stirn. Schnitt. Ein Schuss fällt und trifft den Mann in die Stirn. Bensaidi, früher Koautor von André Téchiné, kennt das Kino und hat seine Vorbilder gut ausgewählt. Doch lassen sich die visuelle Originalität eines Jean-Pierre Jeunet („Die fabelhafte Welt der Amelie“), die stilisierte Lakonie eines Takeshi Kitano („Hana- Bi“) und der zivilisationskritischen Slapstick eines Jacques Tati in nur einem Film zusammenzuführen? Irgendwann ermüdet die dick aufgetragene Virtuosität. Marokkos weißes Haus entschädigt dafür nur ein bisschen. Jens Müller

Central (OmU), fsk (OmU)

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