XXY : Männchen, Weibchen, Mensch

Alex ist wild, verletzlich und auf der suche nach dem eigenen Ich. Warum gibt es nur zwei Geschlechter? "XXY" erzählt von einer intersexuellen Pubertät.

Nadine Lange
Efron
Hauptdarstellerin Inés Efron -Foto: kool Film

Eine tote Schildkröte wird seziert. Mit gezielten Schnitten trennt der bärtige Biologe den Bauchpanzer vom Körper. Als er ihn abhebt, sagt er zu seinem Kollegen: „Weibchen“. Es ist das erste Wort, das in Lucía Puenzos Regiedebüt „XXY“ gesprochen wird und es ist programmatisch – wie die gesamte Szene. Führt sie doch vor Augen, wie das Geschlecht eines Lebewesens auch dadurch entsteht, dass es von außen zugewiesen wird. Und wie brutal es dabei zuweilen zugehen kann, wird nebenbei ebenfalls klar.

Geschlechterfragen treiben den Biologen namens Kraken (Ricardo Darín) auch privat um. Denn sein Kind ist zweigeschlechtlich: Alex (Inés Efron) hat zwar einen weiblichen Chromosomensatz, doch aufgrund einer Hormonstörung besitzt die 15-Jährige auch männliche Geschlechtsmerkmale. Die Eltern entscheiden sich bei Alex’ Geburt gegen eine Operation und erziehen sie als Tochter. Um Gerede zu entgehen, zieht die Familie von Buenos Aires in ein abgelegenes Haus an der Küste Uruguays. Doch nun ist Alex in der Pubertät. Ihre männliche Seite wird immer deutlicher, die Themen Körper und Identität drängender.

Eines Tages lädt Alex’ Mutter Suli (Valeria Bertuccelli) einen befreundeten Schönheitschirurgen mit dessen Frau und 16-jährigem Sohn ein. Die Idee hinter dieser Einladung spiegelt Sulis verständliche Verzweiflung wider, bedeutet aber auch einen grausamen Verrat an ihrem Kind. Dass sie nun doch eine medizinisch-technische „Lösung“ anstrebt, ist eindeutig dem gesellschaftlichen Druck geschuldet, der ihre Liebe zu Alex auf grausame Weise korrumpiert.

Allerdings hat Suli ihre Rechnung ohne Alex gemacht. Sie/er setzt die Tabletten zur Unterdrückung der Testosteronproduktion ab und entdeckt sehr offensiv ihre/seine Sexualität. Dabei bezieht sie/er den Chirurgensohn Alvaro (Martín Piroyansky) mit ein, der so seine eigene Eigenheit entdeckt. Es ist faszinierend zu sehen, wie Alvaro, Alex und zwei weitere befreundete Jugendliche ein komplexes Beziehungsgeflecht knüpfen, wie sie Fäden des Begehrens ziehen und langsam herausfinden, was wirklich zählt.

Inés Efron mit ihren graugrünen Augen und der wilden Lockenmähne ist das vor Kraft vibrierende Zentrum des Films. Sie verkörpert Alex in einer intensiven Mischung aus Wildheit und Verletzlichkeit, wobei die Figur niemals ins Freakhafte driftet. Letzteres ist auch ein Verdienst von Lucía Puenzo. Der 1976 in Buenos Aires geborenen Romanautorin und Regisseurin gelingt es, in leicht verwaschen grau-blauen Bildern ein bewunderswert vielschichtiges und subtiles Porträt eines jungen Menschen auf der Suche nach sich selbst zu zeichnen. Ein ungewöhnliches Coming-of-Age.

Puenzo entwickelt das Thema Intersexualität sensibel, aber nicht übervorsichtig und öffnet tatsächlich einen Raum für Fragen wie: Warum gibt es eigentlich nur zwei Geschlechter? Wieso muss eine Zuordnung notfalls mit Gewalt herbeigeführt werden? Dass „XXY“, der letztes Jahr den Großen Preis der Semaine de La Critique in Cannes gewann, dies alles in der Form eines fesselnden Familiendramas verhandelt, macht diesen Film so stark. Denn er erzeugt weit mehr als Mitleid: tiefe Empathie.

Kant, Kulturbrauerei, Yorck; OmU im fsk und in den Hackeschen Höfen

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