Zauberer-Saga : Harry Potter: Hälfte des Bebens

Emma Watson spielt groß, während andere nur markieren. Noch ist das Filmfinale nicht gewonnen: "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes", Teil 1.

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Achtung, hier zaubere ich! Hermine (Emma Watson) schützt Harry Potter und den verletzten Freund Ron (Daniel Radcliffe und Rupert Grint).
Achtung, hier zaubere ich! Hermine (Emma Watson) schützt Harry Potter und den verletzten Freund Ron (Daniel Radcliffe und Rupert...Foto: Warner

Drei Jahre ist es jetzt schon wieder her! Drei Jahre seit die „Harry Potter“-Saga von Joanne K. Rowling nach einer Dekade des weltweiten Mitfieberns mit dem siebten Band für (angeblich) immer beschlossen wurde. Man reibt sich ein wenig die Augen – und versucht sich noch einmal diese global grassierende Wahnsinnsneugierde auf das Finale innerlich wachzurufen. Würde Harry Potter am Ende sterben und die allen heilen Kinderwünschen längst entwachsene Welt, welche der Dunkle Lord Voldemort schon von Band zu Band stärker verdüstert hatte, nun ganz zugrunde gehen?

Es ist heute kein Geheimnis mehr, dass Harry und die Welt ihr Ende zur allgemeinen Erleichterung überlebt haben. Doch soll die Spannung nach den drei Jahren nun noch einmal aufleben. Genauer gesagt: noch zweimal aufleben. Denn die Verfilmung des letzten Buchs „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ ist ausnahmsweise in zwei Teile zerlegt worden. Erst bei der Premiere der Schlusshälfte am 14. Juli 2011 wird Voldemorts böser Bann auch im Kino für alle Zauberzeiten gebrochen sein. Das bedeutet für den finalen Blockbuster ein doppeltes Geschäft, und lässt sich nicht nur kommerziell verstehen. J. K. Rowlings hat so viele Motive und vorher schon angefangene Geschichten in ihrem gut siebenhundertseitigen Count Down verwoben, dass die Stoffmenge ein einzelnes Filmdrehbuch leicht überfordert. Und überfrachtet hätte.

Premiere des langen Abschieds von Harry Potter
Ein Blick über die Schulter. Emma Watson bei der Premiere in London.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Fotos: Reuters
12.11.2010 07:54Ein Blick über die Schulter. Emma Watson bei der Premiere in London.

Aber wird aus dem Zweiteiler jetzt auch ein doppeltes Filmvergnügen? Ganz wird man das natürlich erst nach dem Ende vom Ende beantworten können. Und wer von Harry, Hermine und Ron, dem Geist des toten Schuldirektors Dumbledore, dem Zwielicht des Doppelagenten Severus Snape und der Dämonie des Dunklen Lords gar nicht genug bekommen kann, dem werden die 140 Filmminuten von Teil 1 wohl wie im Nu vergehen. Obschon sie sich ganz schön ziehen.

Es gibt nämlich einen Rhythmuswechsel. Waren die früheren „Harry Potter“-Filme nur hübsch und hurtig zusammengefügte Scherben des großen Mosaiks, waren sie in ihrem Videocliptempo kaum mehr als ein rasender Sturz- und Überflug durch die Handlungsfülle der einzelnen Romane, so ist jetzt alles anders.

Regisseur David Yates setzt plötzlich auf epische Breite und langen Atem. So, als kündeten auch schon stille Blicke, Wolken und Winde von einer Welt der wachsenden Bedrohung, in der Voldemort ein Nazi-ähnliches Rassen-Terrorregiment errichtet hat über die Zauberer und jene als „Schlammblüter“ verfolgten Mischlinge aus Magiern und Muggels (den zauberlosen Normalmenschen).

Anfangs funktioniert das auch filmisch recht eindrucksvoll. Der (später ermordete) Minister der guten Magier beschwört deren Durchhaltekampf in einer riesigen verdüsterten Festung: Platos Höhle droht da zu Plutos Hölle zu werden. Und die Eingangssequenz in Voldemorts Führer- und Folterhauptquartier evoziert durch Nagini, die schöne Schlange des Schreckens, einen wohligen Schauder: Voldemorts Haustier kriecht in eleganten Windungen über den langen Konferenztisch der Dunkelmächtigen, einem menschlichen Opfer und der auf Augenhöhe postierten Kamera entgegen. Bevor das symbolträchtige Reptil dann zubeißt, sagt der nasenlose, gleichfalls schlangenäugige Lord (unter der Maske Ralph Fiennes) nur die beiden Worte: „Dinner, Nagini.“

Das hat bösen Witz, wie er genauso im Buche steht. Ansonsten aber triumphiert hier nicht die Brillanz, sondern die Banalität des Bösen. Und der Kampf der Guten bildet auch in der epischen Breitwandversion nur die schiere Oberfläche des Romans ab. Es fehlt an Aktion. Das Buch erzählt mit einiger psychologischer Binnenspannung, wie Harry und seine Freunde zunächst auf der Flucht und in Untergrundverstecken auf der Suche sind nach jenen mysteriösen „Horkruxen“, in denen Voldemort die der Teufelei verkauften Teile seiner zerrissenen, erkalteten Seele als Unterpfand deponiert hat. Für diese innere Spannung findet der Film jedoch viel zu selten eigene Bilder. Steve Kloves Drehbuch klebt an der Vorlage, ohne sie in eine selbständige dramatische Filmsprache zu übersetzen.

So geht beispielsweise der tragikomisch ambivalente Abschied Harrys von seinen bislang ungeliebten Pflegeeltern im Film ebenso verloren wie die nur gesprächsweise erwähnte, hier nie mit eigenen Szenen gezeigte und damit als filmisches Motiv verschenkte neue Herrschaft über die Zauberschule Hogwarts. Am Ende des Halbfilms ist auch erst einer von sieben magischen Horkruxen entdeckt worden, und man gewinnt fast den Eindruck, als hätte David Yates sich alle Pointen und jeden Thrill für die finale Fortsetzung aufgespart. Die Spannung, die der Film anfangs noch schürt und beispielsweise mit einer animatorisch furiosen Fluchtfahrt von Harry und dem Riesen Hagrid gegen den flutenden Verkehr eines Londoner Highway-Tunnels befeuert, sie verpufft zwischenrein im zähen, zaghaften Melodram.

Dazu gehören auch die angedeuteten Flirtszenen zwischen Hermine und Harry, bei denen sich einmal mehr die schauspielerischen Grenzen des hölzernen, mit seiner Rolle nicht mehr wirklich wachsenden Potter-Darstellers Daniel Radcliffe offenbaren. Getragen wird der Film darum von Emma Watson, deren Hermine inzwischen kein altkluges Strebermädchen mehr ist, sondern eine junge Frau, die nun mit neuer Verletzlichkeit in das Wechselbad zwischen Frühlings Erwachen und grauser Götzendämmerung gerät. Wird sie von einer Schergin Voldemorts gefoltert (der wunderbar biestigen Helena Bonham Carter), dann hätte es des an ihrem Unterarm blutig und gleich einer KZ-Nummer eingravierten Mals gar nicht bedurft, um die Tiefenassoziation des Geschehens zu verdeutlichen. Emma Watson kann das Erschrecken spielen, das andere nur grimassierend markieren.

Der Schluss, mit dem anrührenden Elfen Dobby als Harrys Retter, ist dann gar kein wirklicher Cliffhanger. Es ist nur einfach: ein Schnitt. Bis zum letzten Mal.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos.

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