"Zerissene Umarmungen" : Viel schöner als das Leben.

Bilder wissen mehr: Pedro Almodóvars "Zerrissene Umarmungen" feiert das Kino – und Penélope Cruz.

Christina Tilmann
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Tobis Film

Pedro Almodóvar hat einst auf Lanzarote den Tod seiner Mutter verarbeitet, ein Urlaub, um zur Ruhe zu kommen, und am Ende, sagt der spanische Regisseur, sei er erwachsen geworden. Und während dieses Urlaubs hat er, weil ihn die Inselfarben aus Erdbraun, Rot und Grau so faszinierten, am Strand von El Golfo fotografiert: die Bucht, den Himmel, das Meer. Erst bei der Entwicklung der Fotos habe er gemerkt, dass auf dem Foto noch ein Liebespaar ist, im Schatten eines Felsens, das sich eng umschlungen küsst.

Das Antonioni-Phänomen. In „Blow Up“ von 1966 merkt ein Fotograf erst bei der Entwicklung, dass er bei einer Aufnahme im Park wohl einen Mord fotografiert hat. Der Glaube daran, dass Fotografie, dass Film mehr von der Wirklichkeit enthüllt – er eint sie, die beiden Regisseure am Anfang des Alphabets. In „Zerrissene Umarmungen“, dem neuen Almodóvar, ist das Prinzip auf die Spitze getrieben. Ein schier unendliches labyrinthisches Verwirrspiel zwischen Zeitebenen, Genres, Filmzitaten und Doppelgängermotiven. Und am Ende kommt doch ein genuiner Almodóvar dabei heraus.

Wie könnte es anders sein bei einem Film, in dem ein Regisseur in Zentrum steht. Mateo Blanco (Lluís Homar) dreht einen Film, „Frauen und Koffer“, der verdächtig an Almodóvars Kultfilm „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ erinnert. Die Hauptrolle spielt Lena (Penélope Cruz), die Geliebte des Finanzmoguls Ernesto Martel (José Luis Gómez), der den Film finanziert. Mateo und Lena verlieben sich, fliehen vor dem eifersüchtigen Martel nach Lanzarote, Lena kommt bei einem Autounfall ums Leben, Mateo Blanco lebt, Jahre später, als Drehbuchautor unter dem Namen Harry Caine.

Doch Harry Caine ist blind. Der blinde Filmregisseur, das ist der Inbegriff der Ohnmacht. Kein Wunder, dass die Drehbücher, die dieser Harry Caine schreibt, nur noch ein Abklatsch sind, wilde Fantasien über Vampire in der Notaufnahme, dentale Erektionen und Sex mit Sonnencreme und Sonnenbrille. Vampire im Tageslicht, das ist so etwa wie ein Regisseur ohne Augenlicht: Es fehlt der Stoff zum Leben. Und wenn am Ende der Film doch noch vollendet wird, in einem Director’s Cut nach 14 Jahren, dann ist das ein Triumph über den cineastischen Tod.

Die Kontrolle über die Filme zu behalten, das ist auch für Pedro Almodóvar das Wichtigste, bekennt er auf der Berliner Pressekonferenz. Damit bloß niemand sich einmischt, zwischen Schnitt und Screen. „Filme muss man unbedingt fertigstellen, notfalls auch blind“, sagt Harry Caine am Schluss. Ein Glaubensbekenntnis, das eine Liebeserklärung ist. Und ein Film-im-Film, der in jeder Einstellung behauptet, dass Film das wahre Leben sei und Filmzitate daher nicht nur ein nettes Insider-Spiel, sondern ein Lebenselixier. Sonst sind wir alle Blinde.

Gegen diese Art Blindheit filmt Almodóvar an, mit aller Kraft. „Zerrissene Umarmungen“ ist ein einziges großes visuelles Fest. Ein Rausch in Farben, mit der berühmten Almodóvar-Kombination aus Knallrot und Hellblau, aber auch ein Fest der Innenausstattung, mit mexikanischen Kreuzen an der Zimmerwand, bunten Teppichen, prächtigen Salons und endlosen Marmortreppen. Hier stürzt die Hauptdarstellerin herunter wie Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“, und der eifersüchtige Ehemann steigt die Treppe herauf wie in Hitchcocks „Notorious“. Es gibt eine unerträglich fürsorgliche, im Stillen unglücklich liebende Freundin wie in „Vertigo“, und es gibt eine Hauptdarstellerin, die alle Rollen der Filmgeschichte im Körper trägt.

„Zerrissene Umarmungen“ ist vor allem ein Hohelied auf Penélope Cruz, die den Film zum Leuchten, zum Vibrieren bringt, mit einer traumwandlerischen Sicherheit und einer emotionalen Tiefe, die weit mehr ist als ein zugegebenermaßen wunderschönes Gesicht. „Penélope hat in sich so viele Gesichter, so viele Rollen, sie weiß es selbst nicht“, sagt Almodóvar über seine Lieblingsschauspielerin. Und lässt sie als Audrey Hepburn auftreten, mit Pferdeschwanz wie in „Sabrina“, mit dem strahlenden Lächeln von Eliza Doolittle, mit Holly Golightlys Augenaufschlag. Und im nächsten Bild als Marilyn, mit platinblonder Perücke. Schon in „Volver“ war sie Sophia Loren, und auch jetzt hat sie etwas von Claudia Cardinale, von Vivian Leigh, doch in den kostbaren Szenen, den Schlüssel- und Liebesszenen auf Lanzarote, ist sie einfach nur: Penélope Cruz. Auch sie ist auf Lanzarote erwachsen geworden.

Regisseur Mateo Blanco verliebt sich in dieses Wandelgeschöpf, in die Vorstellung, einen neuen Menschen zu formen aus jener mit tonnenschweren Goldketten behängten Millionärsgattin, die seine Hauptdarstellerin ist, und bekommt am Ende viel mehr: einen echten Menschen. Und Pedro Almodóvar lädt seine eigentlich banale Geschichte von Altersgeilheit und Prostitution, Eifersucht und Intrige auf mit Reflektionen über Medium und Technik, Film und Realität. Der Vorspann setzt ein mit einer Lichtprobe, die von einer automatischen Kamera während der Dreharbeiten aufgenommen wurde. Der Sohn von Ernesto Martel verfolgt die ganze Drehzeit mit der Videokamera und sammelt Beweismaterial für seinen eifersüchtigen Vater, eine lebende Überwachungskamera sozusagen, die sich doch als Künstler fühlt. Das Vexierspiel kulminiert in der großartigen Szene, wenn Ernesto Martel sich zu Hause das Digitalmaterial wegen zu schlechter Tonqualität von einer Lippenleserin übersetzen lässt, und dann tritt Lena in die Tür und synchronisiert ihre große Abschiedsszene selbst. Und das ganze Material dient am Ende doch dazu, die reale Erinnerung von Harry Caine zu korrigieren: Die Bilder wissen mehr.

Liebe und Tod, Trauer und falsche Erinnerung, das ist der starke Stoff, aus dem „Zerrissene Umarmungen“ gemacht ist. Die Umarmung des Liebespaars wird gleich mehrfach gespiegelt, gebrochen und auseinandergerissen. Das sich küssende Paar am Strand von El Golfo, das Pedro Almodóvar einst fotografierte, wird im Film von Mateo aufgenommen, während Lena ihn umarmt. Später betrachten sie beide das Foto, und sie sagt: „Das Liebespaar, das sind wir.“ Ein anderes Liebespaar, Ingrid Bergman und George Sanders, beobachtet in Roberto Rossellinis „Reise nach Italien“, wie in Pompeji die Umrisse eines verschütteten Paares ausgegraben werden, das sich noch im Tod umschlungen hielt. Ingrid Bergman, die in Rossellinis Film eine unglückliche Ehefrau spielt, wendet sich ab und weint. Und Lena, die umschlungen von Mateo die Szene im Fernsehen sieht, weint auch, Mateo stellt den Selbstauslöser ein, ein weiteres Umarmungsfoto entsteht, das letzte, später wird es zerrissen und am Ende wieder zusammengefügt.

So ein grenzenloser Wille, alles wieder zusammenzufügen, spricht auch aus Almodóvars Film. Ein Wunschtraum. Aber viel schöner als das Leben.

Ab Donnerstag im Capitol, Cinemaxx, Filmtheater Friedrichshain, Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, Yorck; OmU im Cinestar Sony-Center, Hackesche Höfe, Odeon

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