Zu Hause : Vorhang auf!

Vor 50 Jahren kam „Psycho“ ins Kino – und damit der Horror ins Badezimmer. Kleine Geschichte des Duschvorhangs

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Vater des Duschvorhang-Horrors: Alfred Hitchcock.Foto: dpa/p-a

Alfred Hitchcock konnte aufatmen. Am 3. März 1960 teilte das Hollywood-Studio Paramount dem britischen Regisseur mit, es habe die aktuelle Fassung von „Psycho“ nun gebilligt, man werde den Film noch im Juni in die Kinos bringen. Zuvor hatte der Thriller-Meister Zugeständnisse machen müssen: Er verzichtete auf seine übliche Gage, schloss einen damals ungewöhnlichen Vertrag ab, der eine geringere Honorierung, dafür aber eine spätere Umsatzbeteiligung vorsah, so dass das schmale Budget von rund 900 000 Dollar eingehalten wurde. Außerdem filmte er am 1. März 1960 eine Szene nach, weil Testpublikum und Produzenten beanstandet hatten, die Eingangssequenz zwischen Hauptdarstellerin Janet Leigh und ihrem Liebhaber sei doch etwas zu leidenschaftlich geraten.

Was Hitchcock in jener Woche vor 50 Jahren kaum ahnte: Er definierte mit seinem Psycho-Thriller nicht nur das Horror-Genre, sondern auch den Blick aufs Badezimmer neu: Der Duschvorhang verlor seine Unschuld. Plötzlich schirmte dieser den Nackten nicht mehr vor der Außenwelt ab, sondern machte die Dusche zur Falle. Hinter dem Vorhang lauerte die Gefahr, die man erst sah, wenn man ihn ahnungslos aufzog.

So erging es auf jeden Fall der weiblichen Hauptfigur in der Schlüsselszene von „Psycho“, als Norman Bates mit Perücke (Anthony Perkins) sie erstach, während Streicher wie verrückt gewordene Kätzchen jaulten. Sieben Tage dauerte das Drehen der Szene. Darstellerin Janet Leigh bekannte, sie habe später im Kino geschrien und sich geschworen, nie wieder eine Dusche zu betreten. „In dem Moment dämmerte mir, wie verletzlich und schutzlos man ist“, sagte sie.

Bis heute ergötzen sich Menschen am Gruseleffekt – wenn auch mit der Zeit eine ironische Distanz eingetreten ist. Auf Facebook gibt es die Gruppe „I check behind the shower curtain for murderers when I go into the bathroom“ (etwa: Ich gucke erst mal, ob ein Mörder hinter dem Vorhang steht, wenn ich das Bad betrete). Auf dem Portalbild sieht man einen Clown mit roten Haaren wie aus einem Horrorfilm. Mehr als 525 000 Menschen sind bereits Mitglieder.

Ein halbes Jahrhundert nach „Psycho“ spielen auch die Einrichtungshäuser mit dem kalkulierten Schock. Auf dem amerikanischen Markt gibt es Duschvorhänge, auf denen blutige Hände auf weißer Plastikfolie zu sehen sind sowie künstliche Blutspritzer und eine männliche Silhouette mit einem Messer. Wahlweise kann man auch einen Vorhang erwerben, auf dem eine Frau den Dolch trägt. Er heißt „Mad Mother Psycho Shower Curtain“ – und ist bekanntlich dichter am Filmgeschehen: Filmbösewicht Norman Bates verkleidete sich zum Morden als Frau. Die britische Seite lazyboneuk.com bietet einen feuerroten Vorhang mit weißer Mördersilhouette, 1,80 mal 1,80 Meter an. So läuft einem in der shower der Schauer über den Rücken.

Den Motiven auf dem Wasserschutz sind heutzutage ohnehin keine Grenzen mehr gesetzt. Anhänger des Hamburger SV können sich ihren Verein genauso ins Bad hängen wie „Twilight“-Fans ihren Lieblingsstar Robert Harrison. Die Farbauswahl zwischen kanariengelb und azurblau ist so endlos wie die Mustervielfalt von Dalmatiner-Pünktchen zu Schachbrett-Quadraten. Höchstens das Material ist eingrenzbar: entweder günstiger Kunststoff oder wasserabweisende Textilien, die etwas mehr kosten.

Bei Ebay ergibt die Suche nach Design-Duschvorhängen ein schillerndes Bild. Gleichwertig gelistet sind auf der Website Schmetterlings-Pastell-Motive für 19,95 Euro (in der Anzeige steht LUXUS in Großbuchstaben), ein schilfgrauer Vorhang der Firma Decor Walther Loft mit Edelstahlösen für 185 Euro und ein Textilvorhang, auf dem eine Frau nackt von hinten gezeichnet ist, für 25 Euro. Schon nach einer kurzen Design-Recherche ist klar: Beim Abduschen gibt es keinen ästhetisch abgesicherten Kanon. Jedem Geschmack und jeder Geschmacklosigkeit steht die Badezimmertür offen.

So wird aus dem Reinigungsvorgang ein Unterhaltungsprogramm. Wobei der Duschvorhang nicht nur für Unterhaltung sorgt, sondern auch reichlich Stoff für Familienstreit. Soll er nun in die Wanne hineinhängen oder darf er aus der Wanne herausragen? Jede Hausfrau wird für ein „Rein mit ihm“ plädieren, damit der Fußboden danach nicht wie das überschwemmte Donaudelta aussieht. Angeblich soll selbst Hotelkettengründer Conrad N. Hilton die Rein-Raus-Frage bis zu seinem Tod beschäftigt haben. Der Legende nach waren seine berühmten letzten Worte: „Und denkt dran: Den Vorhang immer in die Wanne hängen.“

Die Frage nach der richtigen Hängung spaltet Familien. Die Gegenseite argumentiert wie folgt: Der Vorhang wölbt sich beim Duschen nach innen, klebt unangenehm am Körper und beleidigt jedes sinnliche Tastgefühl. Und wer möchte schon mit einer Plastik-Boa am Bein das Bad teilen? Für den Vorgang gibt es übrigens eine einfache physikalische Erklärung: David P. Schmidt von der University of Massachusetts in Amherst, ein „Experte für Sprays und Strömungen aller Art“, hat 2003 in einer Studie festgestellt, dass der Druck auf die Luftmoleküle die Schuld trägt. Das Wasser reißt die Teilchen nämlich nach oben, so entsteht ein Unterdruck auf der Innenseite – und der Druck von der Außenseite wächst, bis der Vorhang an die Schenkel klatscht.

Totalgegner des Duschvorhangs fahren noch ein weiteres Argument im Kampf auf: Sie glauben, in den Falten des Vorhangs lebten ganze Horden von fiesen Bakterien, die es nur auf eines abgesehen hätten: die Vernichtung der Menschheit. Was sagt die Wissenschaft? Im schlimmsten Fall können sie Infektionen hervorrufen, wie eine andere bahnbrechende amerikanische Studie, von der University of Colorado in Boulder, 2004 herausgefunden hat. Regelmäßig die Plastikverkleidung abwaschen, raten daher die Experten. Obwohl nur für Menschen mit stark eingeschränkter Immunabwehr eine akute Gefahr bestehe. Aber für sie sei auch U-Bahn-Fahren riskant. Was hingegen stimmt: Wegen der Feuchtigkeit sind die Vorhänge für Schimmel anfällig. Deshalb die Bäder von Zeit zu Zeit lüften.

Das war früher einfacher: Vor über 2000 Jahren gab es bereits Duschen, wenn auch rustikalere Modelle, ohne schützenden Stoff. In der Antike benutzte die griechische und römische Oberschicht Reinigungsorte mit Vorratsbehältern und Ablauf, aus dem lateinischen Wort für Wasserrinne oder Leitung, ducere, entstand später die Dusche. Im 19. Jahrhundert entdeckten die Franzosen sie für das schnelle Reinigen der Soldaten in den Kasernen, um 1850 ermöglichte das wasserdichte Klempnern das Duschen im Haus, zur selben Zeit werden wohl auch die ersten Duschvorhänge entwickelt worden sein.

Durchgesetzt haben sie sich allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dank verbesserter Technik. Vielleicht war es auch ein Zeichen des wirtschaftlichen Aufbruchs: Die beschleunigte Industriegesellschaft sparte wertvolle Zeit, wenn sie sich abspritzte anstatt sich genussvoll zu baden. Aus amerikanischen Motels waren Duschen und Vinylvorhänge nach dem Zweiten Weltkrieg bald nicht mehr wegzudenken, aus menschlichen Angstfantasien ab 1960 auch nicht mehr. Alfred Hitchcock verdanken wir es, aus einem Stück Plastik eine Horrorvorstellung gemacht zu haben. Für den Regisseur hat sich diese kleine Horrorshow ausgezahlt. Der Film lief so sensationell in den Kinos, dass Hitchcock dank seiner Umsatzbeteiligungsklausel zum Multimillionär aufstieg.

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