Zum 75. Geburtstag : Woody Allen: We love you

Woody Allen wird 75 und die Kulturredaktion des Tagesspiegels feiert mit. Lesen, lachen und staunen Sie über die unserer Meinung nach schönsten Szenen aus Woody Allens Filmen. Und nennen Sie uns Ihre Favoriten.

Allan Stewart Königsberg, besser bekannt als Woody Allen, feiert am 1. Dezember seinen 75. Geburtstag. Vermutlich würde er seine Wünsche zum Ehrentag in etwa so formulieren: "Essen und kein Sodbrennen kriegen."Alle Bilder anzeigen
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30.11.2010 21:03Allan Stewart Königsberg, besser bekannt als Woody Allen, feiert am 1. Dezember seinen 75. Geburtstag. Vermutlich würde er seine...

DIE LETZTE NACHT DES BORIS GRUSCHENKO
Er feuert Gag auf Gag, dass einem dabei vor Lachen ganz gaga und nur manchmal ein bisschen müde zumute wird, aber das ist es nicht. Einmal fliegt er wie Baron Münchhausen durch die Luft, um als Zwischengrößenzwergschrapnell in einem napoleonischen Generalszelt zu detonieren, aber das ist es auch nicht – und ebenso wenig ist es das kanonadenartige Nonsensphilosophieren seiner von Diane Keaton allerliebst verkörperten Kusine Sonja, das allein Boris, den pazifistischsten Artilleristen der Weltgeschichte, zum Schweigen bringen kann. Glücklich gruselig aber wird einem, wenn in „Love and Death“ (1975), so der Originaltitel dieser hemmungslos schiefschürfenden Spätjugendklamotte des Woody Allen, der Tod auftritt: Ganz in Weiß als voll verschleiertes Sensengespenst erscheint er erst dem Kind, das locker als Pippo Rotschopf durchgehen könnte, und nach Boris’ definitiv letzter Albernheitskaskade – „That’s about it for me, folks, good bye!“ – bittet er den soeben leider doch Füsilierten zum Tänzchen. Das Nirvana ist reichlich grau, eine kahle Allee am Lethefluss, aber das Duo tanzt, die Musik macht täterätä, selig schweigt die Quasselstrippe, und so tänzeln sie langsam aus dem letzten Bild davon. Wenn das „The End“ sein sollte: Es wäre auszuhalten. Jan Schulz-Ojala

GOTT & TOD
Schauspieler und Autor streiten. Dem Autor fällt kein Schluss ein. Der Schauspieler dröhnt: Dann schreib halt einen starken Schluss. Die Szene ist in Athen, vor 2500 Jahren, oder am Broadway, darauf kommt es nicht an, große Kunst will Ewigkeit. Aristophanes und Woody Allen hätten sich prächtig verstanden. Bei dem einen streiken die Frauen im Bett, bei dem andern wackelt die Premiere, weil es immer noch keinen befriedigenden Schluss gibt. Das Stück heißt „Der Sklave“ und stammt von Hepatitis von Rhodos – in einem Theaterstück namens „Gott“, das von Woody Allen aus den Siebzigern stammt. Und wie anderswo ein paar Neurotiker einen Autor suchen, quälen sie sich hier mit dem Ende. In „fünf Minuten fängt der Athener Dramenwettbewerb“ an, Hepatitis hat keine Wahl. Er mietet die Göttermaschine des Trichinosis. So betritt der Deus ex Machina die Theatergeschichte und gibt seinen Geist gleich wieder auf. Gott, eine Fehlkonstruktion, Bühnenunfall, Gott ist tot, verheddert im Schnürboden (War er versichert?, fragt der Theaterarzt). In der Not erfindet der Schauspieler Diabetes die Improvisation und das absurde Theater gleich noch dazu. Selten so homerisch gelacht! Rüdiger Schaper

MANHATTAN
Viele Filme von Woody Allen sind Liebeserklärungen an New York. Doch „Manhattan“ (1979) ist die romantischste von allen. Schon die Anfangssequenz zeigt nach drei Glamour-Bilder von Hochhäusern die Leuchtschrift „Manhattan Parking“. Danach Allens Stimme, die das erste Kapitel eines Buchs diktiert. Immer wieder beginnt er von Neuem, aber jedes Mal lautet die erste Zeile: „He adored New York City.“ Dazu alltägliche Straßenszenen, unterlegt mit Gershwins „Rhapsody in Blue“. Als Allen endlich seinen Anfang gefunden hat, dröhnt das Orchester mit voller Lautstärke los. Zwischen Wolkenkratzern die untergehende Sonne, es wird Nacht, und der Film ist jetzt ganz auf die Musik geschnitten. Woody Allen schweigt. Ein Feuerwerk und jubilierende Bläser beschließen die Hymne an die Ostküstenmetropole. Bei der New Yorker Premiere bejohlte das Publikum schon die Ouvertüre. Noch schöner ist allerdings die Spiegelszene dazu, Allens langer Dauerlauf am Schluss. Manhattan von unten, Menschengewusel an gänzlich unspektakulären Ecken. Ja! New York ist die tollste Stadt der Welt und Manhattan ihr wild pochendes Herz. Nadine Lange


STARDUST MEMORIES
Sie schaut direkt in die Kamera, das Gesicht halb verschattet. Sie flüstert was von dem Arzt, der verrückt nach ihr ist, und ob er eine andere hat. Sie stockt, setzt wieder an, versprungene Bilder einer Liebe, Anfang und Zweifel und Ende, die ganze Geschichte samt Trennung in 100 schwarzweißen, fragmentierten Sekunden. Charlotte Rampling ist Dorrie in „Stardust Memories“ (1980), Woody Allens „Achteinhalb“, die Freundin des ständig scheiternden Filmemachers Sandy Bates, die wunderschönste Frau in Allens Werk, die traurigste Szene im Universum der Komik. Sie hat Tränen in den Augen, fährt sich durchs Haar, legt die Finger auf ihre hohen Wangen, presst die Lippen zusammen, wirft den Kopf nach hinten, lächelt herausfordernd, verlegen, rätselhaft, reißt sich zusammen und fragt: Wie sehe ich aus? Woody/Sandy hält später eine posthume Rede und verrät, was das Glück ist: eine New Yorker Frühlingsbrise, „Stardust“ von Louis Armstrong und Dorries Gesicht, das Gesicht von Charlotte Rampling. Christiane Peitz

ZELIG
„Zelig“ (1983) ist ein Pseudo-Dokumentarfilm und, bei aller Unterhaltsamkeit, so vieldeutig, wie es nur wirklich großen Filmen gelingt. Der jüdische Zahnarzt Leonard Zelig (Woody Allen) will vor allem von seinen Mitmenschen geliebt werden. Deshalb passt er sich jeder Umgebung an. Er stolpert durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts und taucht, täuschend echt, in echten Wochenschauen auf, Allen hat hier auch filmtechnisch einen Meilenstein gesetzt. Im Deutschland der dreißiger Jahre wird Zelig Nazi und steht neben Adolf Hitler auf der Tribüne des Nürnberger Parteitags. Die Frage, ob Hitler komödientauglich ist, hat Woody Allen nicht als Erster, aber besonders überzeugend beantwortet – ja, natürlich. Gleichzeitig handelt diese Szene von der Ambivalenz des Guten, denn Zelig, der gute Mensch, wird ja aus dem edelsten aller Motive zum Nazi, aus Nächstenliebe. Die Bibel irrt sich, Woody Allen weiß es besser: Misstraue deinem Nächsten wie dir selbst. Harald Martenstein


THE PURPLE ROSE OF CAIRO
Die schönste Eigenart von Woody-Allen-Filmen ist vielleicht die, dass aus ihnen immer die Liebe zum Kino spricht. „The Purple Rose of Cairo“ (1985), die Tragikomödie über einen Filmhelden, der von der Leinwand herabsteigt und einen Hoffnungsschimmer in das Leben von Cecilia (Mia Farrow) trägt, ist nicht zufällig Allens eigener Lieblingsfilm. Die delikate Balance aus Sentimentalität und resignierter Verzweiflung gelang ihm nie wieder so perfekt wie hier. Die schönste Szene? Cecilia und ihr Held Baxter (er trägt einen Tropenhelm) beginnen nach langem Abend in einem stillgelegten Karussell zu knutschen. Baxter bricht ab, wirft einen Blick über die Schulter, als fühle er sich beobachtet. „Wo ist die Abblende? Immer wenn man sich küsst und bevor man ins Bett geht, wird doch abgeblendet!“ Cecilia klärt ihn auf: So ist das bei uns hier nicht. „Faszinierend. Ihr liebt euch ohne Abblende? Ich kann’s kaum erwarten, das zu sehen.“ Sebastian Handke


DECONSTRUCTING HARRY
Robin Williams am Springbrunnen, es ist eine Filmaufnahme, und dann geschieht es: Er lässt sich nicht scharf stellen. He is out of focus! Und das bleibt so. Wie sollte man ihn je vergessen, den immer wiederkehrenden Williams-Fleck in „Deconstructing Harry“? Woody Allen hat das Genre des kompromisslos narzisstischen Kinos geschaffen, und „Deconstructing Harry“ (1997) war darin wohl sein letztes Hauptstück, mit aller Allen’scher Liebes-, Gottes-, Selbst- und Fremdzweifelkontinuität. Out of focus? Im Gegenteil, schärfer ließ sich hier – außer Williams natürlich – nichts mehr stellen. Welche Härte lag darin, welche unterm Lachen kaum verborgene Schonungslosigkeit. Es war schon die des Alters, der Bilanznähe: Da steigt Woody-Harry schließlich aus diesem Auto auf dem Campus seiner alten Universität, die ihn ehren will. Und niemand, der zu ihm gehörte, ist mitgekommen. Lebensende eines Narziss. Und neben ihm geht seine allerletzte Begleitung, diese herrliche, große schwarze Hure, bauchfrei, und mit den wohl längsten Beinen, die diese Universität je betreten haben. Nachher begann der Allen-Altersfilm neuen Typs, mal mit ihm, mal ohne ihn, in einer für jeden Narziss ungewöhnlichen Rolle: an der Seite, im Hintergrund. Kerstin Decker


MATCH POINT
Zu lachen gibt es hier nichts. „Match Point“ (2005) gehört zu Woody Allens kriminalistischer série noire , wie kurz darauf „Scoop“ und zuvor „Manhattan Murder Mystery“. In „Match Point“ spielt Scarlett Johansson die Schauspielschülerin Nola, die sich nach einem verunglückten Vorsprechen ihren Frust wegtrinkt und mit jedem Glas Weißwein tiefer in einen Flirt wider Willen gerät, ihre wohl schönste und erotischste Szene. Sie wird Nola später das Leben kosten. Aber das Tollste sind zwei Einfälle: Am Anfang springt ein Tennisball gegen die Netzkante, und das Bild gefriert, der Ball verharrt über dem Netz. Wie die Waage des Glücks könnte er zu beiden Seiten fallen. Später wirft Jonathan Rhys Meyers als Ex-Tennisprofi den Schmuck einer von ihm getöteten Frau in die Themse, doch der Ehering der Ermordeten prallt an die Kante des Ufergeländers – und fällt in Zeitlupe, anders als die Tenniskugel, unbemerkt zu Boden. Nicht ins Wasser. Man denkt, das war des Mörders Pech. Aber genau das rettet ihm später den Kopf. Diese Pointe ist selbst für den Geniespieler Woody Allen: ein Big Point. Peter von Becker


SCOOP
Woody Allen ist ein Zauberer. Ein Simsalabim genügt, dann sind in seinen Filmen alle physikalischen und biologischen Gesetze aufgehoben. Dafür muss Woody Allen das Simsalabim nicht einmal aussprechen. In der Kriminalkomödie „Scoop“ (2006) spielt er, gewohnt klein und hängeschultrig, tatsächlich den großen Magier Splendini, sieht mit Samtjackett, Rüschenhemd und Fliege wie eine Kindergeburtstagsattraktion aus und zaubert in einem Londoner Schmierentheater Spielkarten aus seinem Zylinder. Die Szene, in der er Scarlett Johansson in seinem „Entmaterialisierer“, einem telefonzellengroßen Stehkasten, verschwinden lässt, ist ganz großer Zirkus. „Es ist ein Experiment, kein Trick“, versichert Splendini, und die Johansson bittet bloß: „Aber nicht kitzeln.“ Im Kasten erscheint der Journalistikstudentin der Geist eines gerade gestorbenen Topreporters und flüstert ihr einen „unglaublichen Knüller“ ins Ohr: Der Sohn von Lord Lyman ist der lange gesuchte Tarotkartenmörder! Dummerweise verliebt Scarlett Johansson sich später in den Adelsspross, was sie in Lebensgefahr bringen wird. In „Scoop“ hatte Woody Allen seinen bislang letzten Auftritt als Schauspieler. Als unwiderstehlich zerquälter Lover, in seiner Lieblingsrolle, hat er sich ohnehin unter Qualen ausgemustert – nun doch wohl ein bisschen zu alt, um neben Leinwanderotikbomben wie Scarlett Johansson oder Naomi Watts zu bestehen. Auch als Splendini ist er noch immer Woody, der Unglücksrabe – nur dass seine Oneliner inzwischen anders altersgemäß tönen: „Etwas Aufregendes in meinem Leben? Essen und kein Sodbrennen kriegen.“ Am Ende fällt er, der unsterbliche Amerikaner, dem britischen Linksverkehr zum Opfer. Noch einmal erscheint der tote Reporter und wispert: „Merken Sie sich diese Zahlen: 16, 21, 12.“ Was das sein mag? Die Kombination für ein Geheimfach, eine Telefonnummer vom CIA, Lottozahlen für das Jahr 2034? Egal. Aber auf jeden Fall: Merken! Christian Schröder

Und was meinen Sie? Sind ganz andere Szenen Ihre ganz persönlichen Woody-Allen-Favoriten? Wie immer bei unseren Artikeln können Sie hier Ihre Meinung aufschreiben. Nutzen Sie dazu bitte die einfach zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten.

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