Kinofilm "The Descendants" : Das letzte Hemd

Sind wir nicht alle überfordert? Alexander Paynes Tragikomödie „The Descendants“ erzählt die Geschichte eines Familienvaters (George Clooney), dessen Leben aus den Fugen gerät.

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Ärger im Paradies. Immobilienanwalt Matt King (George Clooney) sucht auf der Insel Kauai mit den Töchtern und deren Kumpel nach seinem Nebenbuhler.
Ärger im Paradies. Immobilienanwalt Matt King (George Clooney) sucht auf der Insel Kauai mit den Töchtern und deren Kumpel nach...Foto: dpa

Sie gelten als heiße Oscar-Anwärter, George Clooney und Regisseur Alexander Payne. Eine Ehre gebührt „The Descendants“ aber schon vor Bekanntgabe der Nominierungen. Paynes Hawaii-Familienstory hat das Zeug, als der Film mit den meisten hässlichen Hemden in die Geschichte des Kinos einzugehen. George Clooney trägt praktisch in jeder Szene ein anderes, und keins davon sieht gut aus: Hawaii-Hemden in trüben Farben, mit kleinteiligen oder großen hässlichen Mustern und Blumen von eher abstrakter Natur. Dass sie über meist khakifarbenen Shorts baumeln und höchstens mal durch schlabbrige T-Shirts ersetzt werden, macht die Sache noch unvorteilhafter. Zwar schafft es George Clooney selbst in solchen Outfits nicht ganz, seine Attraktivität einzubüßen, aber er ist nah dran. Allein dafür hätte er, nach seinem Golden Globe, einen Oscar verdient.

Außerdem ist da dieser unglaubliche Lauf. Clooney trägt Bermudas, streift sich ausgetretene Slipper über und rennt los, über den Rasen, auf die Straße, um die Kurve, zu den Freunden ein paar Straßen weiter. Clooney ist Matt King, Immobilienanwalt in Honolulu, seine Frau liegt nach einem Speedboot-Unfall im Koma, weshalb sein Leben gerade komplett aus den Fugen gerät. Die beiden Töchter mucken auf gegen den Vater, der keine Ahnung hat, wie man Kinder großzieht, obendrein bedrängen ihn seine Cousins, wegen der Traumbucht auf Kauai, die seit Jahrhunderten der Familie gehört und von ihm als Treuhänder verkauft werden soll. Die Cousins brauchen Geld.

Und als sei das nicht eh alles zu viel, als sei Matt King, der es immer leicht hatte in seinem hawaiianischen Leben, nicht hoffnungslos überfordert, wirft Alexandra, seine Älteste, ihm jetzt auch noch an den Kopf, dass seine Frau einen anderen hatte. Also stürzt Matt aus dem Haus, schnell zu den Freunden, die müssen es wissen. Es ist ein plumper, linkischer, asynchroner Sprint, den Clooney hinlegt, ein fassungsloser, atemloser, unsportlicher Tollpatsch von Mann, zum Heulen komisch. Clooney läuft mit der „Grazie eines frisch kastrierten Vogels Strauß“, schrieb die „Washington Post“.

Regisseur Payne gilt seit „About Schmidt“ als Spezialist für verstörte Männer, die unvermutet in Lebenskrisen geraten. Kein Wunder, dass es ihm der Debütroman der hawaiianischen Autorin Kaui Hart Hemmings angetan hat; nach dem Buch verfasste Payne das Script zu „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ gleich selbst.

Auf den ersten Blick gehört dieser Matt King durchaus zu der Sorte Männer, die eins sind mit sich und ihrer Umgebung. Matt surft nicht im Urlaubsparadies Hawaii, das stellt er gleich bei der Eröffnungsrede aus dem Off klar. Aber er ist hier zu Hause, bewegt sich lässig in der groß- und vorstädtischen Welt von Honolulu, gehört sogar zu jenen uralteingesessenen Mischlings-Hawaiianern, in deren Adern sowohl weißes als auch königliches indigenes Blut fließt. Nun zieht es ihm jedoch den Boden unter den Füßen weg. Seine Frau wollte ihn verlassen, wegen eines Immobilienmaklers? Das ist schlimmer als die Nachricht, dass sie aus dem Koma nicht mehr aufwachen wird.

Nein, sympathisch ist dieser Typ nicht. Aber man mag ihn, ähnlich wie Jack Nicholson in „About Schmidt“. Und genau wie Paynes letzter, in den kalifornischen Weinbergen spielender Film „Sideways“ wird auch „The Descendants“ zum Roadmovie, Inselhopping inklusive.

Der Plot ist alles andere als originell. Mann wird durch den Tod einer Frau zum Menschen – ein Klassiker. Überhaupt fungiert die Sterbende in der Klinik ausschließlich als Katalysator. Man schart sich ums Krankenbett, der Gatte, die Töchter, die Eltern, die Freunde, der Clan der Cousins, schließlich kommt sogar die Ehefrau des Immobilienmaklers, sie wütet, weint – und verzeiht. Frauen im Koma sind offenbar heilsam, ermöglichen sie doch Gefühlsausbrüche, Geständnisse, Aussprachen und Versöhnungen jedweder Art. Interessante Methode. Aber vor den finalen Aussprachen muss Matt seine widerspenstigen Töchter einsammeln – und das ist der interessante Teil des Films. Wer Familie hat, und wer hat das nicht, dürfte sich wiedererkennen.

Die kleine Scottie (Amara Miller) ist dem Vater fremd wie ein Alien. Die pubertierende Alex (Shailene Woodley) sagt ihm den Krieg an. Ihr Kumpel Sid (Nick Krause), ein alberner Kindskopf, kommt mit, egal wohin. Auch wenn er Matts Schwiegervater mit Sprüchen über die demente Mutter der Sterbenden kränkt, dank Sid wird Alex verträglicher.

Als Matt mit den Kids nach Kauai fliegt, um den Nebenbuhler ausfindig zu machen, führt das dazu, dass sie von einer unmöglichen Situation in die nächste stolpern. Mit kathartischer Wirkung: Vater und Töchter kommen sich näher, und am Ende unterschreibt er den Kaufvertrag für die Bucht nicht. Hawaiisches Blut ist eben dicker als die Wasser, mit denen ein Treuhänder gewaschen ist. Merke: Mit der Familie ist es wie mit dem Archipel von Hawaii. Jede Insel ist Teil eines Ganzen und existiert doch für sich allein.

Payne ist ein raffinierter Regisseur. Ob er Clooney mit Beau Bridges als Cousin an den Tresen einer authentischen Inselkneipe stellt, ob er mit dauergrauem statt strahlend blauem Himmel den Realismusfaktor erhöht und mittels Cinemascope dennoch die Schaulust befriedigt – er hält die Balance. Zwischen Hollywoodkonvention und sozialer Wirklichkeit, traurigen Tropen und Traumstrand, Komödie und Tragödie. Der coole Hawaii-Sound der Slack Key Guitar trägt dazu bei.

Zudem orchestriert er ein großes Ensemble, noch der kleinsten Nebenfigur verleiht er ein nuanciertes Profil. Shailene Woodley als schockartig ins Erwachsenen-Dasein katapultiertes Girlie, Nick Krause als Nerd mit Herz, Robert Forster als störrischer Schwiegervater oder Judy Greer als fragile, über sich selbst hinauswachsende betrogene Immobilienmaklersgattin – angesichts des Todes sind sie alle überfordert. Wie Clooney machen auch die anderen auf sympathische Weise keine gute Figur. Dabei spielt sich Clooney nie in den Vordergrund; Teamplay kann er, seit seinen Anfängen als Kinderarzt in „Emergency Room“.

Die US-Zeitungen würdigten „The Descendants“ als „Feier der menschlichen Unvollkommenheit“, als „Ode an die kognitive Dissonanz“. Offenbar entdecken die Amerikaner in dem Star ihre eigene Verstörtheit nach dem großen Crash 2008. In „The Ides of March“, seinem anderen Oscar-Anwärter, verkörpert Clooney die Korruptheit der politischen Klasse. In „The Descendants“ verleiht er denen Gestalt, die von der Krise unvermutet aus der Bahn geworfen wurden. Clooneys linkischer Lauf ist auf Youtube besonders beliebt, ein Mini-Marathon der Solidarität mit denen, die überfordert sind und aus dem Tritt geraten.

Alexander Payne weiß das dissonante Lebensgefühl seiner Helden bestens ins Bild zu setzen. Dass er am Ende alle Harmonieregister zieht und das gute alte Familienidyll beschwört – geschenkt.

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