Kinokritik : Madonna erzählt von Monarchie und Alltag

Die Frau, wegen der Edward VIII. abdankte: In Madonnas ambitioniertem, solidem Spielfilm „W. E.“ wird Wallis Simpson zum Alter Ego der Popdiva.

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Dancing King. Edward (James D’Arcy) mit der bürgerlichen Wallis (Andrea Riseborough).
Dancing King. Edward (James D’Arcy) mit der bürgerlichen Wallis (Andrea Riseborough).Foto: Senator

Als Madonna in Großbritannien lebte, wurde sie von den Engländern bedingt geliebt und bedingungslos belächelt. Wie „Madge“ den britischen Akzent imitierte, als sie zwölf Jahre in London residierte, das war den Insulanern ein Quell stetigen Vergnügens. Offenbar hat die gebürtige Amerikanerin mit diesem Teil ihrer Vergangenheit nicht abgeschlossen. Sie hat zudem ein beinahe obsessives Verhältnis zu einer historischen Figur entwickelt, der es in manchen Phasen ihres Lebens ähnlich ging: Wallis Simpson.

Zwei Amerikanerinnen in London, Madonna und Simpson. Der größte Popstar der Gegenwart und die schillerndste Figur der dreißiger Jahre. Beides Frauen, für die Männer den Kopf verloren und ihren Ruf aufs Spiel setzten. In den achtziger Jahren wurde der Schauspieler Sean Penn im Madonna-Vehikel „Shanghai Surprise“ zur Witzfigur der Kinogänger; 50 Jahre vor ihm traf es Edward VIII., den britischen Thronfolger, der für Wallis nach zehn Monaten Amtszeit als König sogar abdankte. Lapidar gesagt: Eine Klatschnudel macht einen Film über eine andere. Aber wie viel Madonna steckt in „W.E.“ wirklich?

Allen Musikfans sei versichert: wenig. Wer nichts davon weiß, dass Madonna die sündigste Disco-Queen des Erdballs ist, dem wird es auch nach „W. E.“ nicht in den Sinn kommen. Und Filmfans sei bescheinigt: Von der Schauspielerin Madonna sieht man hier gar nichts – was angesichts ihrer bisherigen Leinwandversuche („Ein Freund zum Verlieben“, „Stürmische Liebe“) nur eine gute Nachricht sein kann.

Sehen Sie hier den Trailer zum Film:

„W.E.“ ist ein Beziehungs- und Ausstattungsfilm geworden – und eine cineastische Ergänzung zum letztjährigen OscarGewinner „The King’s Speech“ mit Colin Firth. Der setzte bei der Abdankung Edward VIII. ein, Madonna erzählt nebenbei die Vorgeschichte: Der stotternde Bruder taucht kurz auf, mit einer intriganten Ehefrau, die nichts von der verständnisvollen Gattin hat, wie Helena Bonham Carter sie in „The King’s Speech“ spielte.

Madonna beschäftigt nicht der Monarch, sondern die Bürgerliche: Wie viel hat diese Frau für die Liebe zum König geopfert? Und wie viel muss eine Frau heute in einer Beziehung aufgeben? Küchenpsychologisch kann man das auf die stürmische Ehe Madonnas mit dem „Sherlock Holmes“-Regisseur Guy Ritchie münzen. Zuweilen glaubt der Zuschauer gar, Madonna selbst zu hören – sie schrieb mit Alek Keshishian das Drehbuch. „Ich war die bestgekleidete Frau im Raum“, sagt Wallis Simpson einmal, auf ihre durchschnittliche Attraktivität angesprochen. „Sie können dir nicht wehtun, außer du lässt es zu“, heißt es später. Ein klassischer Popstar-Verteidigungssatz.

Wahlverwandte. Abbie Cornish spielt die New Yorker Arztgattin Wally, die auf Wallis Simpsons Geschichte stößt.
Wahlverwandte. Abbie Cornish spielt die New Yorker Arztgattin Wally, die auf Wallis Simpsons Geschichte stößt.Foto: Senator

Klassisch beginnt auch der Film – mit einer Rahmenhandlung aus der näheren Gegenwart. Ende der neunziger Jahre lebt Wally Winthrop (Abbie Cornish) in einem sündhaft teuren New Yorker Apartment, eine junge Frau mit straffem Rücken, sie schüttet Rotwein in den Abfluss, mal wieder hat der Gatte sie sitzen lassen, sie zieht sich vorsichtig das Kleid aus, dann die Spitzenunterwäsche und legt sich dekorativ in die Badewanne. Züchtig, sensibel, traurig, so ist diese Wally, die scheinbar nichts in ihrem Leben lieber tut, als beschämt zu Boden zu schauen.

Und dann springt der Film zurück: Mitte der zwanziger Jahre, Wallis (Andrea Riseborough) ist eine junge Frau in Schanghai, sie schüttet sich Whiskey ins Glas, wieder ist der Gatte nicht zum Essen erschienen, sie zündet sich eine Zigarette an, zupft am Kimono und steigt trotzig ins Bad. Kämpferisch, lasziv ist diese Frau, die eine Minute später von ihrem trunksüchtigen Mann zusammengeschlagen wird und eine Fehlgeburt erleidet.

Zwei Frauen, zwei Schicksale, zwei Lieben – und reichlich Pathos um eine Frage: Kann sich das Schicksal wiederholen? Madonna verknüpft das Leben der beiden Frauen manchmal recht plakativ. Natürlich muss die leidende New Yorkerin sehnsuchtsvoll über die Initialen „W.E.“ – für Wallis und Edward – auf dem Tischtuch streichen, bei einer Auktion 1998, auf der Gegenstände aus dem Nachlass des Paars versteigert werden. Die neuzeitliche Wally misst das New Yorker am Londoner Leben, die Strenge der amerikanischen Bussi-Gesellschaft am Formbewusstsein des britischen Königshauses.

Wer ist unglücklicher? Die Amerikanerin, die eine Affäre mit dem Thronfolger beginnt, einem notorischen Schürzenjäger und naiven Politiker, der mit Hitler zu Abend isst? Oder die New Yorker Arztgattin, die verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen? Ringe, Ketten, Kleider, Pillendosen, sie alle werden zu Gedächtnisportalen zwischen den Zeiten, und nach dreimaligem Hin- und Herspringen hat sich der dramaturgische Kniff abgenutzt. Mehr noch: Die penible Gleichgewichtung der Erzählstränge lässt beide Geschichten als bloße Skizze erscheinen.

Trotzdem: „W.E.“ ist nicht völlig verunglückt. Wenn Hagen Bogdanskis Kamera („Das Leben der Anderen“) Regenschirme von oben filmt, erinnert das, kitschig und wirksam, an das Madonna-Video „Rain“. Und als das herrschaftliche Paar auf einer Privatparty in den dreißiger Jahren tanzt, erklingen die Sex Pistols. Die Bilder werden mal schneller, mal langsamer: eine schöne Metapher auf die zeitlose Essenz der Ekstase – nur sind die Umstände eben andere. Für einen Moment ist Madonna ganz in ihrem Element, schade, dass es nicht mehr solcher Szenen gibt.

Madonna hat großen Ehrgeiz in ihren zweiten Spielfilm nach „Filth and Wisdom“ (2008) gelegt. Er ist handwerklich rund, mit klarer Erzählstruktur, ordentlichen Schauspielleistungen, und am Ende siegt nicht die Romantik, sondern der Pragmatismus. Nur eins hat die Regisseurin verharmlost – das gute Verhältnis von Edward und Wallis zu den Nationalsozialisten. „Gerüchte“, heißt es nur kurz im Film. Das nehmen ihr die königstreuen Briten übel, die das der Monarchie abtrünnige Paar ohnehin bezichtigen, ihr Land im Stich gelassen zu haben: Der „Guardian“ konterte mit fünf Auszügen aus Reden und Schriften von Edward, die eine deutlich andere Sprache sprechen.

Ab Donnerstag im Cinemaxx, Filmkunst 66 und in der Kulturbrauerei

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